Tag Archiv für Stadt

wie U-Bahn

Seit mehr als vier Monaten fahre ich jeden Morgen und jeden Mittag etwa zwanzig Minuten mit der U-Bahn. Eine Freundin von mir verabscheut diese Einrichtung so sehr, dass sie lieber eine Viertelstunde bis zum Hauptbahnhof zu Fuß geht, anstatt 2 Minuten mit der Bahn zurückzulegen.

Diese Abscheu kann ich nicht ganz nachvollziehen.

Nun gut, es gibt da immer wieder mal gewohnheitsmäßige Ansammlungen von Menschen, die meinen Tagesablauf nicht eben bereichern. Ich möchte nicht wirklich jeden Morgen an den gleichen drei bis vier zerstörten Existenzen mit Bier und Fluppe vorbeilaufen – ohne jedoch wirklich sagen zu können, warum ich das ablehne.

Auch hastet man manchmal an Gerüchen vorbei, die sich in den Fliesen schon festgesogen haben, gelbliche Krusten in den Winkeln stinken nach altem Urin, Kippen, Müll.

Aber es gibt auch diese freundlichen Ausblühungen, wie das verliebte junge Obdachlosenpärchen, das sich für ein oder zwei Wochen in dem Tunnelsystem, das vom Platz in den Untergrund führt, ihr Wohn- und Schlafzimmer eingerichtet hatte. Da lagen sie dann und schlummerten oder saßen im Bett und plauderten. Waren sie nicht zu Hause, hatten sie alles ordentlich zusammengeräumt. Auch wenn es mir nicht recht passte, dass ich auf meinen Weg durch den öffentlichen Raum unversehens zum Voyer gemacht wurde, fand ich die beiden wirklich reizend und gönnte ihnen ihr kurzes Glück.

Was ich in der U-Bahn liebe, ist die Auswahl an unterschiedlichen Menschen. Manchmal kommt mich das große Staunen an, wie verschieden wir sind, wie doch die jeweilige Vorstellung von einem gut gekleideten und hergerichteten Selbst so variantenreiche Ergebnisse hervorbringt. Ich stelle es mir dann vor, wie diese oder jener nach dem Aufstehen vor dem Spiegel steht, zunächst verschlafen und nackt, um sich dann Schicht für Schicht in seine Hüllen zu kleiden, Stücke, die irgendwann einmal ausgewählt wurden als passend, als schmeichelnd, fühle den Blick, den sie sich im Spiegel zuwerfen, ahne einen Hauch der Vorstellung davon, wie sich jemand gut findet, wie er – oder sie – sich selbst sieht, sehen möchte. Dann noch all die winzigen und aufwändigen persönlichen Eingriffe in Haar und Gesicht und fertig ist die öffentlichkeitsfähige Larve, die zunächst scheinbar mehr darüber sagt, wie jemand sein möchte als darüber, wie er – oder sie – wohl ist. Aber: Worin sind wir besser zu erkennen als in unseren Träumen, unseren Sehnsüchten?

Und all diese aufwändige Arbeit hängt den Menschen in der U-Bahn noch lose an wie ein noch nicht ganz geschlossenes Hemd, die noch nicht festgezurrte Krawatte, denn die U-Bahn ist der Limbus der modernen Städte (nicht zu verwechseln mit dem Limbo, dann wäre es ja jeden Morgen sehr lustig in den Bahnhöfen). Es ist ein Zwischenbereich zwischen den Settings. Nicht mehr zu Hause, noch nicht an der Arbeit, die Bühnenbeleuchtung ist noch nicht an, die Darsteller sitzen auf den harten Sitzen, mit einem Kostüm, das in der tristen Umgebung fehl am Platze wirkt, sie stehen mitten im Raum, starren ins Nichts und warten, bis sie dran sind.

Und so lange sie nicht dran sind, sind sie nicht anwesend. Könnte man aus der Anstrengung, gerade nicht existent zu sein, Energie gewinnen, die Bahn hätte die kleinste Stromrechnung der Welt. Ob mit Knopf im Ohr, dem Handy unter flinken Fingern, einem Buch in der Hand oder dem leeren Blick zwischen allen anderen hindurch, alle spielen das Lieblingsspiel der Zweijährigen: “Ich bin gar nicht da.”

Ich ziehe – wenn ich nicht meine Mitnichtanwesenden neugierig anstarre – das Buch vor. Und sofern es die Dämonen dieser Vorhölle (das sind Menschen, deren Stimme bis ans andere Ende des Waggons trägt, ewige Telefonierer oder Intimitäten-Herausbrüller) es zulassen, erlebe ich in dem Zustand des Nichtzuständigseins oft selige, zeitlose Phasen des Abtauchens, aus denen ich manchmal aufschrecke, wie an einem Morgen, wo man sich nicht erinnert, was für ein Tag es ist. Ein schneller Blick nach draußen – puh! – es sind noch zwei Stationen und das Wiedereinsinken in die Zauberwelt der Buchstaben ist so schön, wie sich morgens noch einmal umzudrehen.

Und wenn ich dann nachmittags nach Hause komme, höre ich schon von Weitem die Gitarre. Entweder steht da der schielende Schotte mit der samtigen Stimme, oder der langgesichtige Franzose mit den Belmondolippen sitzt auf seinem Höckerchen und schrammelt ohne Gesang ein paar Akkorde mit sommerlichen Pickings dazwischen. Beide bekommen immer mal wieder ein Geldstück von mir, wir unterhalten uns ein paar Takte. Neulich fragte mich der Franzose, welches Sternzeichen ich hätte. Ich ließ ihn raten (das – wie ich finde – einzig zulässige Verhalten auf diese Frage).
“Krebs?” – “Nein” – “Stier?” – “(Überraschung) Ja.” – “Aah (Geste und ein französisches Wort, die beide so etwas wie “war ja klar!” bedeuteten) – Venüüüüs!”

Ich weiß wirklich nicht, was man gegen die U-Bahn haben kann.

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wie Rolläden

Zu Rolläden habe ich ein sehr gespaltenes Verhältnis (ganz im Gegensatz zu Rouladen, die ich ungespalten gern verzehre, zumindest, wenn sie von meiner Mutter zubereitet wurden), was sich auch darin zeigt, dass ich gar nicht sicher bin, wie diese Undinger korrekt in schriftlicher Form daherkommen wollen.

Läden zum Rollen. Herab und herauf. Denke ich an Rolläden, höre ich ein ratschendes, zu einem scharfen Knall ansteigendes Geräusch.
Ich bin auf einem Dorf aufgewachsen, in einem jener Neubaugebiete aus den 60er, 70er Jahren, in denen sich noch jeder Häuslebauer den Traum vom freistehenden Haus erfüllen konnte. So kann man tagsüber dem Nachbarn aus einer bequemen Entfernung auf die Wäsche kucken, was nicht schlimm ist, da das zumindest Sonntags immer Gesprächsstoff liefert. Aber nachts, sobald man im eigenen Haus die Lichter anknipst, wird man selbst zum Gegenstand kritischer Betrachtung. Und so kommt es, dass zu einer bestimmten Zeit, wenn die Lichtverhältnisse außen künstliches Licht innen verlangen, es zu einem kakophonischen Konzert von “Rrrrrraaaaatsch-bonk” – “Rrrrrraaaaatsch-bonk” – “Rrrrrraaaaatsch-bonk” kommt, bis alle Schotten dicht sind.

Innen verbergen Vorhänge, Stores und sonstiges Geraffel die Tatsache, dass man sich gerade optisch eingekerkert hat – der Unterschied zu einem (zumindest später in der Nacht) Fenster, in dem sich das Interieur auf Schwärze spiegelt, ist nicht so groß. Aber von außen …
Von außen, da ist es das Gegenteil von Gefängnis. Nicht das schöne Gegenteil wie Freiheit. Nein. Das schreckliche Gegenteil. Ausgesperrt sein. Nicht dazu gehören. Alle anderen sind drin und haben sich eingemuckelt. Nicht einmal ein kleiner Strahl Licht darf nach draußen dringen, zu Dir, der Du wohl sicher aus gutem Grund nicht selbst eine Höhle sein eigen nennt, die er blickdickt verschließen kann.
Du könntest genauso gut auf dem Mond spazieren gehen, einer leblosen Hülle irgend eines fernen Planeten. Vielleicht bist Du auch der Letzte, der übrig geblieben ist, vielleicht gibt es nicht mal hinter den Rolläden noch Licht und Leben.

Und darum lebe ich in der Stadt. Jedes Mal, wenn ich bei Dunkelheit durch meine Stadt gehe, lächele ich innerlich. Und ich fühle mich, als wäre sie ein wunderbares Weihnachtsschaufenster, voll mit diesen kleinen Häuschen, in denen innen Lämpchen stecken, so dass sie gelbes Licht und Geborgenheit ausstrahlen. Denn hier, in der Stadt, wo die Menschen ohnehin Seite an Seite wohnen, wo Distanz und Abgeschiedenheit nur dadurch möglich ist, dass man sie einander gewährt, bleiben die Fenster unverhüllt. Und im Gegensatz zu jener entvölkerten Mondlandschaft des Dorfes erwachen die Häuser der Stadt erst am Abend zum Leben und strahlen ihre Wohnlichkeit und die Verschiedenheit ihrer Bewohner auf den Passanten, ohne viel mehr preiszugeben, als dass er nicht allein ist.

Und hier in der Stadt kann ich Rolläden sogar dankbar sein, wenn Sie das grelle Sonnenlicht von meinen Augen fern halten, bei der Arbeit, wenn ich Ihnen anders nicht ausweichen kann. Aber sobald die Sonne auch nur ein winziges Stück weiter gewandert ist, ist es aus mit der Freundschaft, ich stehe auf und fahre den Rolladen wieder hoch.

wie Balkon

Jahrelang habe ich ohne einen Balkon mitten in der Stadt gelebt. Er hat mir noch nicht einmal gefehlt. Aufgewachsen bin ich mit einem Garten im Nirgendwo auf dem Land. Das Irgendwo, die Zugänglichkeit von so vielen Möglichkeiten, die ich mit der Stadt gefunden habe, war so viel wichtiger als die eine Möglichkeit: Einen privaten Flecken “Draußen” zu haben. Und noch immer könnte man mich damit davonjagen: Vorort oder Dorf – wie wunderschön, die Kinder können direkt in den Garten. Und dann? Gibt es wenigstens einen BUS? Wie oft fährt der? Wie lange braucht er bis zur ZIVILISATION?

Aber dann kam die Frischluft doch wieder in mein Leben. Zuerst in Form einer Dachterrasse.

Ich konnte mein Glück nicht fassen, denn sie war wie das Deck eines Schiffes. Über mir nur der Himmel, ganz für mich allein. Eine ungekannte Freiheit erfasst den, der von seinem Dach auf die anderen Dächer blickt, selbst kaum gesehen wird. Dort lag ich an lauen Sommerabenden auf den Planken, zählte die Wolken und die Mauersegler jagten sausend mit ihren schrillen Schreien knapp über mir hinweg. Leider habe ich niemanden gefunden, der bereit gewesen wäre, dort im Dunkeln, in aller Heimlichkeit und unter freiem Himmel Liebe zu machen.

Und jetzt gibt es den Balkon. Er ist besonders. Kein blöder Kasten, der auf eine heiße und laute Straße hinausgeht. Keine Nische in einem lichtlosen Innenhof, in dem der Efeu die Feuchtigkeit des ewigen Schattens mühelos hält. Nein. Ein Balkon zum Süden, den eine riesige Birke beschattet und dieses Glück hätte ich mir nicht träumen lassen: Ich sitze wie im Wald. Blicke in die Blätter, die mit ihrer Bewegung sogar Tucholsky bewegt haben. Sehe die Meisen hüpfen und flattern. Bekomme Besuch vom Grünling. Zähle die Marienkäfer in meinen Kräutern. Und höre immerfort das leise Rauschen der Blätter. Wunderbar. Balkon.

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