Tag Archiv für Sehen

wie Sehen und gesehen werden

Heute in der Bahn: Ich setze mich neben einen alten Mann, der seinen Schirm für mich vom Sitz nimmt. Ich bedanke mich. Mir gegenüber sitzt eine junge Frau mit braunen Augen. Kurz treffen sich unsere Blicke. Ich lese meine Zeitung. In einer plötzlichen Stille, wie sie selbst in der U-Bahn auftreten kann, höre ich das untergründige Gerumse eines zu laut gestellten Ohrhörers. Ich blicke auf, um die Quelle zu orten und schaue wieder der jungen Frau in die Augen, festgehakt, wir sehen uns an und lächeln einander in aller Ruhe zu.
Dann lese ich weiter meine Zeitung. Die Bahn wird leerer, ich setze mich auf den Platz gegenüber, mache eine kleine Bemerkung, damit der Mann merkt, dass es nicht gegen ihn gerichtet ist. Über seine Furcht, den Schirm zu vergessen, geraten wir in ein Gespräch über die Beerdigung zu der er fährt und berühren in zehn Minuten wichtige und emotionale Themen. Als ich aussteige, wünsche ich ihm alles Gute, lege kurz meine Hand auf seine. Er bedankt sich für das Gespräch. Ich habe Tränen in den Augen, weil ich an meine Toten denken musste und mich unser Austausch berührt hat.

In letzter Zeit geschieht es mir häufiger, dass jemand, der einfach nur auf mich zugeht, um an mir vorbei seinem Ziel entgegen zu eilen, mit seinen Augen auf meinem Gesicht hängen bleibt, anstatt sie neutral weiter wandern zu lassen. Dann sehe ich einen neugierigen Blick, der an meinen Augen haftet und manchmal entsteht sogar ein Lächeln im Vorbeieilen.
Wie wunderbar, gesehen zu werden!

(Denn wie schrecklich ist es, unsichtbar zu sein!)

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