Tag Archiv für Seeelefant

wie Stimmung

Ohne dass ich es bemerkt habe, hat sich tief unten im Bauch eine Stimmung festgesetzt. Und während ich so nichtsahnend Dinge tue, die getan werden wollen, breitet sie sich aus, bis sie endlich alles abdeckt. Es klopft oben im Hirn. Ich öffne. Da steht die Stimmung. Und sagt:
“Du bist traurig. Sehr traurig.”
Und verwundert stelle ich fest, dass ich singen könnte wie Seeelefant, wenn ich dazu noch die Kraft hätte.

Weil ich eine Frau bin, nehme ich mir in solchen Fällen leicht genervt den inneren Kalender vor. Ah. Mist. Ist es schon wieder soweit? Ist es eigentlich legal, dass sich ein PMS so lange nach vorne erstreckt? Und ich greife zum Glückstee, heiterer Musik, halte mein Gesicht in die Sonne, nehme die Wärmflasche, den Mönchspfeffer (zu spät! wirkt ja erst nach 3 Wochen und in der Zwischenzeit geht es mir längst wieder so gut, dass ich vergesse, die Tabletten zu nehmen).

Was die Männer machen, weiß ich nicht. Vielleicht das gleiche wie ich, wenn ich den Blick in den Kalender einmal vergesse oder dieser auch keine Lösung bietet: Selbsterforschung. Und egal, wie gesund, sozial stabil, frei von finanziellen und anderen existenziellen Sorgen ich auch bin, Kurt Tucholsky hat es so schön ausgedrückt: “Irgendwas ist immer.”
Auf der einen Seite ist es erleichternd, wenn endlich ein Grund für die Stimmung gefunden ist. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als wäre hauptsächlich die Stimmung erleichtert: “Na siehste. Drum!” Und setzt sich, um zu bleiben.

Auf der anderen Seite ist es wie mit einem Mückenstich: Der Grund schreit danach, gekratzt zu werden, beachtet, unterfüttert, begründet und wenn man nicht aufpasst, hat man so im Handumdrehen etwas aufgebauscht, was man noch gestern mit heiterer Gelassenheit getragen hat. Falls dann noch eine Person in der Nähe ist, die mit dem Grund zu identifzieren ist, ist es ohnehin zu spät. Neben dem Grund ist der Schuldige gefunden, was in etwa der Erleichterung gleicht, wenn man (bitte verzeiht das unappetitliche Bild) den Stich blutig gekratzt hat – die Erleichterung hält allerdings in beiden Fällen meist nur kurz an, eigentlich hat man in der fehlerhaften Krisenbewältigung gerade nur die nächste Stufe erreicht.

Die Stimmung hat es auf jeden Fall geschafft: Sie hat sich aus meinem Kopf heraus faktisch in die Welt gesetzt und spätestens jetzt habe ich wirklich einen Grund, um schlecht drauf zu sein.