Tag Archiv für Nachbarn

wie Hanns

Hanns fehlt mir. Das ist seltsam, wo wir doch viele Jahre in derselben Straße gewohnt haben, ohne einander überhaupt noch zu bemerken. Und dass, obwohl er der erste Junge war, den ich gerne geküsst hätte – lange vor der Zeit, wo einen das eigentlich beschäftigen sollte. Aber wir spielten nun mal Flaschendrehen unter Nachbarskindern. Thomas hat den Kuss gekriegt, der keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Hanns später auch nicht. Ich habe ihn mal gefragt, wo er eigentlich war, in diesen Jahren zwischen unserer gemeinsamen Kindheit und seinem Weggang in sein geliebtes Dortmund. In der Langenbergstraße. Im Dorf. Im Savoy, meiner Leib- und Magendiskothek, in der ich zeitweise jeden Abend war. Ich habe ihn nicht bemerkt oder erinnere mich nicht daran.
Vielleicht lag das daran, dass ich ihn ein wenig fürchtete – er hatte einen Humor, den ich als hart empfand, einen kühlen, fernen Blick und ultracoole Freunde, die aber auf eine Art abgedreht waren, dass ich mehr verwundert als bewundernd vor ihnen stand.

Wenn ich Auto fahre, höre ich manchmal seine Stimme.
„Na, Anette, wie steht’s? Was macht das Leben?“
Ich stelle mir vor, dass sie von oben kommt, irgendwo aus den Wolken heraus, wo er ab und zu – wenn ich mal ein Ohr für ihn frei habe – nach dem Rechten schaut. Nach mir. Wie es mit meinem Leben inzwischen weitergegangen ist.

Oh, er war kein Freund von Selbstmitleid. Obwohl gerade er allen Grund dazu gehabt hätte. Auch wenn er mit Heinrich Heine nicht viel am Hut hatte – eher waren Bukowski und Die Drei seine Gefährten – teilte er mit jenem das Verhängnis einer Matratzengruft. „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ – ein Tilt! des Immunsystems, das sich in Konzentrationsschwäche, Kopf- und Gliederschmerzen, Herzrasen und Schlafstörungen äußert, dem Körper jegliche Leistungsfähigkeit nimmt. Obwohl er zu schwach war, um ein normales Leben zu führen, konnte er nicht einschlafen und führte mich bei meinen Besuchen ein in die Welt des Spätfernsehens. Wunderbar Bob Ross der amerikanische Maler, der mit leichter Hand „fluffy little clouds“ auf die Leinwand zauberte.
Der Medikamentenmix hatte Hanns aufgeschwemmt. Er sah aus, als hätte jemand in den alten Hanns, schlank und markant, einen Strohhalm gesteckt und ihn aufgepustet, bis er zu platzen drohte.

Ich hätte mich wohl nicht bei ihm gemeldet, wäre ich mir selbst nicht gerade wie ein Außenseiter vorgekommen, ein Stiefkind des Lebens, von jenem vor die Tür geschickt. Bei mir war es nur ein nachhaltig gebrochenes Herz. Und dennoch maßte ich mir an, mich mit ihm verbunden zu fühlen, der als Enddreißiger wieder unter das Dach seiner Eltern hatte kriechen müssen. Und er begrüßte den Kontakt. Verwundert. Freundlich. „Old Hank“, so nannte er sich, wir schrieben, wir mailten, wir telefonierten und schließlich besuchte ich ihn in seiner Räuberhöhle. Darin lag er auf seiner 90cm schmalen Matratze unter der Schräge und blickte auf das lebensgroße Foto seines gesunden Selbst, das zwischen CDs und Anlage im Ansetzen einer Flasche Bier kühl auf ihn herabsah.

Dort hörten wir Musik, tranken mal Wein, mal Bier, mal koffeinfreien Kaffee, er im Schneidersitz auf der Matratze, ich ebenso davor, zwischen uns ein Tischchen, auf dem sich Mineralien zum Einnehmen, Medikamente, Kaffeemilch, Aschenbecher, Blättchen, Tabak und Feuerzeuge tummelten. Wir unterhielten uns. Erzählten unsere Leben, die vergangenen und die aktuellen, sprachen über gebrochene Herzen und enttäuschte Hoffnungen auf Gesundung, Musiker, Gitarren und Gott.
Wir wurden Freunde.
Fuhr ich nach einem Aufenthalt in der alten Heimat nach Hause, klingelte das Telefon und Hanns war dran, um mich dort wieder zu begrüßen. Meine Einsamkeit zu lindern. So wie ich vielleicht seine ein wenig linderte. Er hatte genug Freunde, die sich um ihn kümmerten, ihn besuchten, ihn zu sich holten. Aber er war rausgeworfen aus dem Rouletterad, eine Kugel, die über den Parkettboden gehüpft war und nun in einer Ritze feststeckte. Unwiderruflich beschädigt.

Als ich wusste, dass ich schwanger war, telefonierten wir. Es gab keine tragfähige Liebesbeziehung zu diesem Kind der Zukunft und ich zweifelte, ob ich allein es schaffen würde. Zwei Stunden nach dem Telefonat rief Hanns noch einmal an. Sehr betrunken. Und er sagte: „Du musst das Kind kriegen, Mindelan, du musst!“
Ich nahm ihm das übel. Ich nehme es jedem übel, wenn er mir in meine Entscheidungen hineinredet, selbst wenn er für die richtige Variante votiert und absolut recht hat.
Mein Leben wurde turbulent, ich war sehr beschäftigt damit, die neue Richtung zu bewältigen, mich auf den neuen Gast in meinem Leben vorzubereiten. Die Telefonate wurden weniger, die Besuche seltener.

Das letzte Mal rief er an, als ich in den Wehen lag. Als Geburtsanzeige bekam er eine Mail. Sein Vater, den seine Mutter schon seit ein paar Jahren pflegte, starb kurz vor Weihnachten. Hanns am 10. Januar – Herzversagen, Selbstmord hatte er vehement abgelehnt. Hatten wir noch einmal telefoniert? Ich hatte keine Chance, an der Beerdigung teilzunehmen. Einmal besuchte ich sein Grab und pflanzte ein wildes Veilchen auf das kleine Fleckchen, dass er sich mit seinem Vater teilt. Ich weiß nicht, ob es angewachsen ist.

Wenn ich ihn höre, auf meinen einsamen Autobahnfahrten, frage ich mich, ob ich es so machen darf, wie Hilde Domin es beschreibt: Den Toten wie in einer Tasche mit sich tragen, wo er sich nicht beklagt, wenn man eine Weile nicht an ihn denkt, er, der nicht widerspricht und ganz für uns da ist. Es kommt mir ein bisschen wie Missbrauch vor. Und wie etwas, das nur in meiner Fantasie stattfindet.

Und Hanns war ganz real. Das könnt Ihr mir glauben.

wie Erfolg

Erfolg ist doch was Feines. Versuch macht kluch und wenn’s gelingt, hat man Erfolg. Wie zum Beispiel die nicht riechende Nachbarin, die unter mir wohnt. Die hat Erfolg. Sie ist irgendwas beim Fernsehen des großen Regionalsenders und ganz viel unterwegs. 70-Stunden-Wochen. Das ist doch ein Zeichen von Erfolg, oder? Arbeiten bis zur Erschöpfung?

Das führt dann auch mal dazu, dass so jemand Samstag morgen um acht oder halb neun im Nickischlafanzug fast weinend vor der Tür der Nachbarin oben drüber steht und von dieser verlangt, sie müsse ihre Zimmer umräumen. Denn wenn jemand 70 Stunden in der Woche arbeitet, dann geht das überhaupt nicht, das am Wochenende das Trappeln eines Kindes um halb acht morgens schon die dringend notwendige Ruhe rüde abbricht.

Das folgende Gespräch wurde unerfreulich. Es fielen Aussagen des Inhaltes, dass sie die Wohnung mit Absicht in einem Haus mit vielen alten Leuten gekauft hatte (was nicht für ihre Weitsicht spricht) und dass sie sich ja nun mit Absicht keine Kinder zugelegt hätte und es ihr ohnehin reiche, wenn sie in der Woche bei der Fernsehproduktion die ganze Zeit mit Kindern arbeiten müsse.

Nein. Ich habe nicht gefragt, wie das Endergebnis im Fernsehen heißt. Ich wollte es nicht wissen. Ich habe tatsächlich sogar eine Weile gebraucht, um mein schlechtes Gewissen zu vaporisieren. Es ist erlaubt, ein Kind zu halten. Es ist auch erlaubt, sich bereits um halb acht in der gemieteten Wohnung zu bewegen.

Aber das ist es, was ich mit dem Begriff “Erfolg” verbinde: Erfolgsorientheit bis hin zu einer Anspruchshaltung, die von der Umgebung verlangt, sich den eigenen Vorstellungen ohne langes Zucken anzupassen.

Ich habe ein Versöhnungsgespräch versucht und die junge Frau auf meinen Balkon eingeladen. Vergeblich bot ich ihr etwas zu trinken an. Dieses mochte sie nicht, jenes vertrug sie nicht. Inzwischen war ihr auch klar geworden, dass noch nicht einmal sie es den Menschen in der Wohnung über ihr verbieten konnte, zu LEBEN. Sie gab sich also mit meinem Versprechen zufrieden, dass ich Teppiche besorgen würde.

Und das war es. Jeden Tag gehe ich einige Male an ihrer Tür vorbei. Davor liegt eine Borsten lassende Fußmatte, auf der “Heimat” steht. Oft ruht eine Zeitschrift, die ein freundlicher Nachbar mit nach oben genommen hat, mehrere Tage dort. An der Tür klebt ein Türschild, das garantiert aus Fimo ist, garantiert nicht von ihr selbst verfertigt, in seiner niedlichen Fimo-Drolligkeit aber nichts Gutes über ihren Geschmack verrät. Darauf steht “Stressfreie Zone von *ihren Namen will ich hier natürlich nicht verraten*”.

Ich sollte mein negatives Verhältnis zum Begriff “Erfolg” noch einmal überdenken. Denn das kann es nicht sein. Und wenn es mit dem Erfolg wäre, wie Tucholsky es mit dem Geld festgestellt hat: Dass es nur zu dem kommt, der es SEHR lieb hat?

wie Düfte

Nachdem ich das erste Mal selbst Erdbeermarmelade gemacht habe, dachte ich, die wichtigste Erkenntnis sei, wie EINFACH das ist. So als hätten sich alle marmeladenerfahrenen Hausfrauen der Welt verschworen, dies als einen höchst komplexen und irre arbeitsaufwendigen Prozess darzustellen.

Aber langfristig war ein anderes Erlebnis daraus wichtiger: Wer wissen möchte, wie die Essenz, das Ideal einer Erdbeere ist, wie sie sich selbst in ihren kühnsten Träumen sieht, der muss nur seine Nase über einen Topf mit blubbernd kochender Erdbeermarmelade halten und tief einatmen. Es ist, als dränge der Duft ins Ich ein und fülle die Stirnlappen des Hirnes mit seiner ungeheuren aromatischen Süße komplett aus. Und dann will man gar nichts mehr, als in diesem Moment verweilen. Kein Geschmack dieser Welt reicht da heran.

“So riecht der Himmel” heißt ein wunderschönes Liebeslied. Ich weiß genau: Wenn ich einen Mann finden würde, der so riecht wie Erdbeermarmelade … Ach, das wäre gar nicht gut, von dem könnte ich meine Nase nicht lösen.

Oder ist es mit den Düften wie mit dem Geschmack: Zuviel wird’s widerlich?
Und natürlich soll ein Mann riechen wie ein MANN. Und Erdbeermarmelade wie ERDBEERMARMELADE. Schön wäre aber doch, wenn Hundekacke wie ROSE riechen würde und drei Tage alter Müll wie FLIEDER. Aber dann würde ja keiner den gebührenden Abstand halten.

Bei mir im Haus riecht es im Flur nach den unterschiedlichsten Dingen. Erdgeschoss: kalter Zigarettenrauch und alter Mann. 1. Stock: alte Leute und manchmal Katzenklo. 2. Stock: alte Leute und – nein, die vielbeschäftigte kite-surfende Mediendame um die 30 riecht nicht. Die hört nur unheimlich gut – wenn es sich um Bewegungsgeräusche meines 5-jährigen handelt, zum Beispiel. Ist zum Glück aber nur selten da. Wie es bei uns riecht, weiß ich nicht, denn das ist noch eine Eigenart von Düften: Dass die Nase blind gegenüber ihnen wird. Also wissen die alten Leute auch gar nicht, dass sie und ihre ganzen Wohnungen nach alten Leuten riechen. Nur die weißhaarige Lady ganz oben, die riecht wie eine frische Brise. Wie macht die das nur?
Und nett ist sie auch noch. Ich würde ihr sicher mal was vom Wochenmarkt mitbringen. Morgen gehe ich wieder. Erdbeeren kaufen.

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