Tag Archiv für Mauersegler

wie Freiheit

Während ich an einem lauen Sommerabend auf meinem Balkon sitze, kreisen am Himmel die Mauersegler. Es ist eine ganze Gesellschaft, bestimmt bis zu dreißig Tiere, die da mal weit verstreut ihre Kreise ziehen und mal alle auf einmal durcheinander fliegen, ihr hohes “Srii srii” wie eine rätselhafte Warnung. Fliegen sie hoch und wenden scharf nach Osten, bekommen sie von der Abendsonne einen roten Bauch verpasst. Segelnd und flatternd in weiten Schwüngen und Hakenschlägen tanzen sie virtuos in der Luft. Manche fliegen so weit nach oben, dass sie als schwarzer Punkt im Blau verschwinden.

Ihr Schweben, ihr Segeln, ihr einzeln Sein und die spontanen Versammlungen, Kreisen ohne Mühe, all das scheint mir wie der Inbegriff von Freiheit. In der Luft leben, schlafen, lieben. Voller Kraft und ohne Gewicht.

Wie platt erscheint mir da mein Popo, den mein Gewicht auf den Stuhl drückt. Ein Gewicht, dass ich mühevoll und schlenkernd im Lauf heben kann, oder dröhnend, ohne eigenes Verdienst und ohne Eleganz auf dem Sitz eines Flugzeuges. Festgenagelt auf der Erde bin ich – nur manchmal, wenn ich mich platt auf den Rücken lege und in den unverdeckten Himmel blicke, dreht sich meine Welt und ich hänge über dem weiten All, über den Wolken, den Sternen, dem Nichts, zum Glück von der Gravitation an diese Kugel geheftet – fast fühle ich, wie ich in die Leere falle.

Und sollte ich dort einem Mauersegler begegnen, so hoffe ich, dass er mich zur rettenden Erde zurückstoßen wird, so wie ich ihn in die Luft werfe, falls ich ihn am Boden finde.

wie Balkon

Jahrelang habe ich ohne einen Balkon mitten in der Stadt gelebt. Er hat mir noch nicht einmal gefehlt. Aufgewachsen bin ich mit einem Garten im Nirgendwo auf dem Land. Das Irgendwo, die Zugänglichkeit von so vielen Möglichkeiten, die ich mit der Stadt gefunden habe, war so viel wichtiger als die eine Möglichkeit: Einen privaten Flecken “Draußen” zu haben. Und noch immer könnte man mich damit davonjagen: Vorort oder Dorf – wie wunderschön, die Kinder können direkt in den Garten. Und dann? Gibt es wenigstens einen BUS? Wie oft fährt der? Wie lange braucht er bis zur ZIVILISATION?

Aber dann kam die Frischluft doch wieder in mein Leben. Zuerst in Form einer Dachterrasse.

Ich konnte mein Glück nicht fassen, denn sie war wie das Deck eines Schiffes. Über mir nur der Himmel, ganz für mich allein. Eine ungekannte Freiheit erfasst den, der von seinem Dach auf die anderen Dächer blickt, selbst kaum gesehen wird. Dort lag ich an lauen Sommerabenden auf den Planken, zählte die Wolken und die Mauersegler jagten sausend mit ihren schrillen Schreien knapp über mir hinweg. Leider habe ich niemanden gefunden, der bereit gewesen wäre, dort im Dunkeln, in aller Heimlichkeit und unter freiem Himmel Liebe zu machen.

Und jetzt gibt es den Balkon. Er ist besonders. Kein blöder Kasten, der auf eine heiße und laute Straße hinausgeht. Keine Nische in einem lichtlosen Innenhof, in dem der Efeu die Feuchtigkeit des ewigen Schattens mühelos hält. Nein. Ein Balkon zum Süden, den eine riesige Birke beschattet und dieses Glück hätte ich mir nicht träumen lassen: Ich sitze wie im Wald. Blicke in die Blätter, die mit ihrer Bewegung sogar Tucholsky bewegt haben. Sehe die Meisen hüpfen und flattern. Bekomme Besuch vom Grünling. Zähle die Marienkäfer in meinen Kräutern. Und höre immerfort das leise Rauschen der Blätter. Wunderbar. Balkon.

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