Tag Archiv für Kleidung

wie Neu

Nun gab es vor ein paar Jahren mal den Herrn I. in meinem Leben, der hatte es nicht leicht, mit mir schon gar nicht. Bei ihm bin ich zum ersten Mal einer Marotte begegnet, die mir danach noch ein paar Mal über den Weg gelaufen ist: Er konnte es nicht leiden, wenn seine Zeitung schon gelesen war. Er wollte der erste sein, der über die jungfräulichen und unberührten neuen Seiten strich. Damals habe ich verständnislos reagiert. Daran hat sich nichts geändert.

“Wie neu” – Mir verbirgt sich das Privileg, das dahinter steht. Mein guter Freund T. weiß das sicher besser, denn seine Bücher sehen immer so aus, als befänden sie sich im Produktionsprozess noch VOR dem Einschweißen. Egal, wie oft er sie bereits gelesen hat. Er leidet, wenn sie Spuren des Gebrauchs tragen.

Ich hingegen erinnere mich daran, wie ich als Studentin mal gezwungen war, in einem ganz normalen Klamottengeschäft etwas einzukaufen. Wie grauenhaft es dort roch! Nach Insektenvernichtungsmittel und was sie sonst noch verwenden, damit die Lagerung keine Spuren an den Fasern hinterlässt. Was für unangenehme, künstliche Stoffe es da gab. Und – das war das Schlimmste – wie seelenlos all die Kleidungsstücke waren, die da hingen. Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich als ewig untergewichtige Gazelle immer von meinen Freundinnen versorgt wurden, deren Gewicht sich nach den Teenagerjahren auf ein frauliches Maß veränderte. Mein Kleiderschrank war voll mit Geschenken, Erinnerungen, Persönlichkeiten. Das war für mich das Gegenteil von Neu. Das mochte ich. Und mag ich noch immer.

Neues hat noch keine Seele. Was ihm an Geschichte fehlt, macht es durch Gestank wett. In den jährlich neuen Autos meiner Eltern wurde mir immer schlecht vom durchdringenden Kunststoffgestank. Hatte der sich verflüchtigt, war die Zeit des Jahreswagens auch schon wieder abgelaufen und der nächste drehte mir den Magen um.

Und doch gibt es Momente, da mag ich es auch ganz gern neu: Eine CD auspacken. Ein Buch aufblättern, dessen Seitenkanten noch ganz scharf sind, wie frisch rasiert – und wenn noch zwei Seiten ganz leicht aneinanderhaften, das Geräusch beim Auseinanderziehen. Der Geruch, der von der Seite eines Bildbandes aufsteigt, die zum ersten Mal aufgeschlagen wird. Aber sonst ziehe ich es vor, Gegenstände mit Geschichte zu besitzen.

Wie hänge ich an dem alten Kleiderschrank. Meine Oma hat ihn – wie auch den Rest der Aussteuer, bis auf den Herd, für DEN musste mein Opa, der alte Schwerenöter, sein Motorrad verkaufen – von dem Geld gekauft, den sie als Magd verdient hat. Der Mann ihrer Schwester hat ihn gebaut, wie auch das runde Tischchen mit den ausgestellten Beinen und den Nähkasten in meinem Besitz. Der Schrank ist massiv und doch einfach zu demontieren, er bietet genug Raum und ist doch platzsparend zu transportieren. Er riecht nach Holz und die Bretter für die Fächer sind aus Sperrholz und auf der Rückseite des einen ist ein Bild, das ich aus meiner Kindheit kenne.
Mein Vater hat ihn von seinem honigfarbenen und gepockten Lack (letzter Schrei 1930, wer will sich beschweren?) befreien wollen. Als es ihm nicht gelang, wollte er das Ding verheizen. Stattdessen habe ich ihn angebettelt, den Schrank für mich neu zu lackieren. Inzwischen hat er wieder eine andere Farbe und bewahrt meine Kleidung seit fast 20 Jahren.

Nichts, was neu ist, kann Dir solche Geschichten erzählen. Es muss erst noch Patina ansammeln, Jahre, Menschen.

Oder nehmt es anders herum, wie es old grumpy Schopenhauer so treffend gefasst hat: “Das Neue ist selten das Gute, weil das Gute nur kurze Zeit das Neue ist.”

wie Irrtümer

Irrtümer sollte man – wie alles andere auch – mit leichter Hand begehen.

An einem heißen Tag dieses wunderbar sommerlichen Sommers stülpte ich die Innereien meines Kleiderschrankes nach außen.
Wie es bei Frauen meines Alters eine typische physiologische Entwicklung zu sein scheint, habe ich mich allmählich von der Figur einer ausgehungerten Gazelle entfernt und bin bei der freundlichen Statur eines Zebras angekommen.
Soweit kein Grund zur Klage. Allerdings hat mein Körper diese Entwicklung in Stufen und ohne klare Zielvorgabe nach einem undurchsichtigen Zeitplan durchgeführt. Letzten Sommer befand ich mich in etwa auf Höhe eines Teenager-Zebras, ohne jedoch über die Vorläufigkeit dieses Standes informiert worden zu sein. Und ich kaufte mir ein wunderbares rotes, fröhlich geblümtes Wickelsommerkleid. Ich war allein im Geschäft und fand es toll.

Zu Hause fand ich es auch noch toll. Aber als ich zum ersten Mal versuchte, damit auszugehen, stellte ich fest, dass dieses Kleid großzügigere Einblicke bot, als ich zu bieten gewillt war. Nichts von dem, was ich hervorkramte, um das zu verhindern, passte. Entweder hatte es die falsche Farbe oder einen asynchronen Ausschnitt oder es war doch noch zu offenherzig. Zudem sah im heimatlichen Spiegel mein Bauch unter der Einschnürung der Wickeltechnik schwanger aus. Was natürlich das genaue Gegenteil des erhofften Effekts war. Möglicherweise trug ich das Kleid letztes Jahr einmal – und fühlte mich unbehaglich.

Vor wenigen Tagen lachte es mich dennoch an (das Gedächtnis ist ja ein faules Ding). Die fröhlichen Farben, der feminine, an leichtfüßige Französinnen gemahnende Schnitt erweckten die Sehnsucht, mich selbst darin zu sehen. Diese wurde schnell gestillt. Noch schwangerer wollte ich nicht aussehen.

Das Kleid liegt nun auf dem Stapel aussortierter Kleidung. Selbst wenn eine Verkettung verschlankender Umstände mich wieder annähernd in Passform bringen würde, habe ich begriffen, dass mir die Voraussetzungen für dieses Kleid grundlegend abgehen.
Ich bin nun mit einer Freundin einkaufen gegangen und habe mir unter ihren scharfen Augen eine neue, zu meinem Stil und meinem Körper passende Sommergarderobe zugelegt.

Das Schlimme an einem Irrtum ist, dass es immer ein bisschen wirkt, als hätten wir ihn verhindern können, mit nur einem Quentchen mehr klarer Selbsteinschätzung.

Jacques Diderot sagt in “Jakob und sein Herr” sinngemäß: “Werter Leser, wenn Du mir schon nicht dankbar für die Geschichten bist, die ich Dir erzähle, dann sei mir wenigstens dankbar für die Geschichten, die ich Dir erspare.”

Wie viele Entscheidungen treffen wir täglich? Wieviele wirklich wichtige Gabelungen unserer Lebensweges bewältigen wir in einem Jahr? Und wie viele davon bereuen wir? Wie viele vergessen wir sofort, nachdem wir sie hinter uns haben, weil sie gut waren, richtig, zu uns passen? Wir merken uns in der Regel nur die, wo wir uns verschätzt haben, deren Folgen uns unangenehm sind.

Und an denen will ich es üben, mir selbst zu verzeihen. Ich fange an mit dem Sommerkleid. Irgendwo muss man ja anfangen.