Tag Archiv für Kindheit

wie Treppen

treppe

Die erste Treppe meiner Kindheit war aus Waschbeton und führte mit einmal sieben, einmal fünf Stufen um die Ecke von der Terrasse zum Garten. Ich spüre noch die unebenen Steine unter meinen Knien, an meinen Schenkeln, meinen Händen, warm von der Sonne und so seltsam unberechenbar zwischen glatt und kantig. Auf jeden Fall fühlte sie sich besser an als das Pflaster auf der Terrasse, das immer einen leichten Bimssteineffekt auf meine ungeschützten Knie hatte. Diese Treppe verband zwei Welten: Die immer heiße, windgeschützte der Terrasse und den kühleren Rasen.

Das galt auch für die nächste wichtige Treppe in meinem Leben. Sie war wundersam und geheimnisvoll, dem kindlichen Auge und Zugriff entzogen und führte, wenn ein Erwachsener die Klappe in der Decke des Treppenhauses mit dem Haken am Holzstiel geöffnet und die Eisenleiter wie eine Zieharmonika bis zum Boden gezogen hatte, auf den Speicher. Ein langer, halbdunkler Raum, überwölbt von der nackten Dachkonstruktion, auf der man die Unterseiten der Ziegel ruhen sah. In dem Geruch aus Holz und Staub standen die abgestellten, nicht mehr benötigten Dinge. Ich erinnere mich nur noch an den alten Kleiderschrank meiner Großeltern, der von der modernen Furnierholzgarnitur abgelöst worden war und dort oben seinen langen Schlaf hielt. Aus dem braunen Dämmer ging es wieder hinab in die helle Kühle des Treppenhauses, in der das Geheimnis keinen Platz hatte. Und weil für Kinder ja die Wochen wie Monate und die Monate wie Jahre sind, vergaß ich diese Treppe immer wieder und erlebte sie so mehr als einmal wie ein Wunder.

Nicht alle Treppen konnten solche positiven Gefühle in mir hervorrufen. In Cornwall wanderten wir an einem schönen Tag eine endlose Abfolge von ups und downs. Meine Knie protestierten schon lange und als die Steigung dann so steil wurde, dass freundliche Menschen den Weg in eine behelfsmäßige Treppe verwandelt hatten, machte das das Gehen zwar leichter, an den Schmerzen im Knie jedoch änderten sie nichts. Eher machten sie es schlimmer, denn sie waren das Treppe gewordene Bekenntnis, dass diese steilen Auf- und Abstiege so nun wirklich niemandem zuzumuten wären. Und dort stand ich auf halbem Weg eines downs angesichts des nächsten (und bei weitem nicht letzten) ups da und hätte ich mich entscheiden können, ich wäre einfach dort geblieben. So wie die liebe Frau A., die hier im 4. Stock wohnt und deren Beine neulich zwischen dem 1. und dem 2. Stock schon den Dienst verweigert haben. Treppen können zu unüberwindlichen Hindernissen werden.

Aber damals blieb ich nicht und lernte weitere Treppen kennen: Die luftige Rauchertreppe am ehemaligen Hochlager, in dessen Seitenräumen sich unser Büro befand, geschätzte zehn Meter über dem Boden, eine dieser Feuertreppen, die aus einem Blechgitter bestehen, das selbst auf den zweiten panischen Blick aussieht wie nichts und wo sich der erste Schritt im Bauch wie Fallen anfühlt.

Unter Freunden und Bekannten (und Umzugshelfern) legendär wurde die endlose Treppe in den “gefühlten siebten Stock”, nach unterschiedlichen Zählungen 105 bis 107 Stufen hoch, an dessen Ende mein Himmelsnest lag, die kleine Dachgeschosswohnung, in die ich als Single einzog und vier Jahre später als Mama auszog, die ich den kleinen Sohn hochtrug, als er gerade eine Woche alt war und ich wund am Körper, aber stolz und froh in der Seele. Es war mir ungeheuer wichtig, dass ICH ihn dort hochtrug und wir hatten gute Jahre dort oben, einmal ganz davon abgesehen, dass ich Zeit hatte, die Unsinnigkeit von Kaufwasser in Flaschen zu durchdringen.

All diese Treppen hatten eines gemeinsam: Sie waren alternativlos. Es gab keinen Weg, sie zu umgehen, keine Chance, sie nicht erklimmen oder betreten zu müssen.

Neuerdings habe ich es vermehrt mit einer anderen Art von Treppen zu tun. Die haben eine Rolltreppe zur Seite oder einen Aufzug als Ausweg. Und statt in den dritten Stock des Bürogebäudes hoch zu klettern, oben etwas außer Atem mit gerötetem Gesicht weiterzugehen, kann man einfach in ein stählernes Gehäuse steigen, einen Knopf drücken und hat noch nicht mal Zeit für einen halben smalltalk, bis man schon aussteigen darf. Oder sie laufen eisern glänzend und lautlos neben einem altmodischen Ding aus Beton nach oben, das so aussieht, als hätte nur jemand vergessen, es zu entfernen.

 

Immer wieder stehe ich vor der Entscheidung: Gehen oder Gehen lassen? Steigen oder Gleiten? Es erscheint so sinnlos, sich anzustrengen, wenn man sich doch auch ausruhen könnte. Und doch. Sich bequem von einer anderen Kraft tragen zu lassen, statt zu Fuß die Treppe zu ersteigen, hat etwas vom wissenschaftlichen Arbeiten auf der Grundlage von Sekundärliteratur. Und vom Fahren in einem Aufzug hat noch niemand einen knackigen Po bekommen.