Tag Archiv für Kinder

wie Quelle

tal ohne wiederkehr

Der Fontaine de Barenton liegt im bretonischen Wald von Brosceliande. Es soll die Gewitterquelle sein, an der die Abenteuer des Ritters Yweins beginnen. Eine blitzgewaltige Ritterquelle ist guter Fantasiestoff für Kinder. Also fügen wir sie unserer Reiseroute hinzu. Wie es das Schicksal will, fällt mir Iwein Löwenritter von Felicitas Hoppe in die Hände. Die passende Abendlektüre für den Urlaub.

Das geht dann so: Ich setze mich auf das Sofa, die Kinder verteilen sich um mich herum. Ich lese vor. Leise setzen sich auch die Erwachsenen in Hörweite. Angepeilt sind drei Kapitel pro Abend. Es ist nie genug. Selbst wenn es sechs Kapitel werden oder zehn.

Das Buch zu lesen, ist ein reines Vergnügen. Die klare, schöne Sprache, das auf Kinder ausgerichtete Erzählen freuen mich besonders, als ich die sonderbare Geschichte wiedererkenne, die mir in meinem Studium begegnet ist. Hoppe hievt den mittelalterlichen Stoff in die Köpfe der neuen Generation. In den folgenden Tagen müssen die Achtjährigen davon abgehalten werden, heimlich weiter zu lesen.

Ich denke an den Abt von Caesarius von Heisterbach, der seine Mönche schimpft: “Wenn ich euch eine Geschichte vom Hof des Königs Artus erzählen will, da macht ihr die Ohren auf und lauscht begierig, aber wenn ich euch von Gott reden will, dann schlaft ihr!”

Und es bleibt nicht beim Iwein. Auf der benachbarten „Grande Ile“ entdecken wir die sîte de castle Erec. Meine Reisegefährten kennen den Erec von Hartmann von Aue als die einzige Liebesgeschichte der Literatur, die gut ausgeht. Ich erinnere mich hauptsächlich an die schwachsinnigen Strafen, mit denen ein empörter Erec seine Enite für die eigenen Fehler peinigt, bis er am Ende schließlich kapiert, was schiefgelaufen ist. Als ich die Geschichte auf dem Weg zur nicht mehr sichtbaren Erec-Burg den Erwachsenen erzähle, hängen die Kinder an uns wie die Fruchtfliegen an der Aprikose.

Hoffentlich hält die wundersame Quelle im Sagenwald den inzwischen aufgeblühten Erwartungen stand. Ich beginne vorzubauen, erzähle den Kindern, dass die Quelle vermutlich nicht mehr funktioniert, sie also weder mit einem furchtbaren Unwetter noch mit einem heranpreschenden Ritter rechnen sollten.

Schließlich sind wir im Wald von Brosceliande. Schon am Eingang wird deutlich, dass hier die Überlieferung überaus biegsam gehandhabt wird. Das Val sans Retour der Fee Morgaine liegt erst seit wenigen Jahrzehnten in diesem Wald – seit das ursprünglich mit der Legende verknüpfte Tal durch Industriebauten so arg verschandelt wurde, dass an Feen nicht mehr zu denken war, an Touristen schon gar nicht.

“Erzähl uns noch eine Geschichte von Rittern”, betteln die Kinder. Während wir furchtlos das Tal ohne Wiederkehr betreten, erzähle ich die Geschichte vom Schwert im Stein. Später fange ich vom Parzival an.

Auch der Quelle könnte eine diskreten Umverlegung unterlaufen sein. Ich erinnere mich aus meinem Besuch vor 16 Jahren an ein unspektakuläres Rinnsal, das dem Laub nur wenige Schritte vom Parkplatz entspringt. Jetzt gehen wir erst einmal zwanzig Minuten, bis wir an einen schön in Steine gefassten Born kommen. Die Kinder beginnen sofort, Wasser zu schöpfen, doch es scheint so, als sei der rechte Stein nicht mehr am Platz, auf den das Wasser gespritzt werden musste, um Donner, Sturm und Reiter herbeizurufen. Nachdem wir die Kinder anschließend davon abgehalten haben, die Steinfassung der Quelle zugunsten eines Staudamms zu demontieren, legen wir eine kleine Leserunde ein.

Am Parkplatz steht ein Schild. Es möchte sich nicht festlegen, ob dies Yweins Gewitterquelle ist oder vielleicht doch die Quelle sei, an der ein bis über beide Ohren verknallter Merlin all sein Wissen an Viviane weitergegeben hat. Warum nicht einfach beides?
Den Ywein lesen wir nach dem Urlaub zu Ende. Er hat seinen Platz in der Fantasie der Kinder gefunden.

Die Quelle selbst ist nicht wichtig. Sie ist nur von Belang für den Strom, der ihr entspringt, ob er aus Wasser besteht oder aus Geschichten.

wie Vandalen

Als ich eben im Kinderzimmer saß, um meinem frischgebackenen Schulkind bei den Hausaufgaben die Gedanken zu stärken, hätte ich fast geweint. Wir haben nämlich Besuch: meine innig geliebte Freundin K. aus dem Osten und ihre zwei süßen und aufgeweckten Söhne P. (5,5) und M (2,5). Und ich hatte es vergessen. Das Hirn macht das ja immer so mit Traumata und Geschehnissen, die der menschliche Geist nicht verkraften kann.


Ich hatte vergessen, was Kinder unter vier einem Kinderzimmer antun. Ein paar Stunden unter nur oberflächlichler Aufsicht und es ist nicht nur der Teppichboden bedeckt mit allem, was sich in Klein- und Kleinstteilchen zerlegen ließ (bei der Hälfte der Dinge handelte es sich um quasi atomare Spielsachen, die ich bislang für unteilbar gehalten hatte), in allen Ritzen liegen Teile von Teilen. Autositze, Playmobilpistolen, Kanonenkugeln und – nein, ich fange gleich wieder an zu weinen.

Die Entdeckungslust und der Forscherdrang der Kinder ist immens und in dem Alter fehlt ihnen noch die umfassende Regelkenntnis, die Erwachsene in der Regel davon abhält, alle Dinge auseinanderzunehmen, die Einzelteile einer Belastungsprobe auszusetzen, das Innere erforschen zu wollen. Die einzelnen Neins in den sich permanent verzweigenden Neuronen eines Zweijährigen sind noch an einer Hand abzuzählen – zumindest wenn man sich auf die bezieht, die sie gleichzeitig befolgen können. Und darum sind sie erbarmungslos wie die Vandalen, so gründlich wie Wanderheuschrecken und gleichzeitig so wunderbar und niedlich wie kleine Kinder.

Verrückt, dass man das vergessen kann, wenn das eigene Kind grad mal beinahe sieben ist – so lange ist das doch nicht her. Aber es hat sich bei ihm auch nicht so angefühlt. Zumindest nicht bei uns Zuhause. Jetzt, wo ich wieder eine ganz normale Wohnung bewohne, in der nicht alles Zerbrechliche und Kostbare entweder hinter Gittern oder außerhalb von Knabenreckhöhe aufbewahrt wird, erlebe ich jenen Besuch damals von der anderen Seite, wo ich in der Wohnung des jungen Paares völlig unentspannt meinem Kind hinterhergeschnürt bin, überall elektrische Geräte, Steckdosen, scharfe Kanten, Zerbrechliches in meinem Radar aufleuchtend. Unsere Kleinkindwohnung war eine entschärfte Version, wo auch heftigst explorierende Kinder keine Chance hatten. Nun ist das anders.

Und während ich weinen möchte, weil ich die Versuche meiner letzten großen Ordnungsanstrengung wie feinen Sand über den Teppich verteilt sehe, fühle ich mich doch schlecht, weil keines der Kinder auch nur irgend etwas Verkehrtes gemacht hat. Ich bin es, die ihnen die Umgebung so hätte einrichten können, dass sie ihren Spaß haben, ohne dass sich irgendjemand durch ihre wichtige Arbeit (nur Narren denken, dass das Spiel der Kinder nichts Ernsthaftes sei) gestört fühlt.

wie Zuhause

“Home is where the heart is.”

Zumindest ist ein Zuhause in meinem Leben kein fester Ort mehr, nichts Gesetztes, Unveränderliches, Unhinterfragbares. Aus meinem Elternhaus ausgezogen, habe ich insgesamt fünf Wohnungen in Köln bewohnt. Weder das Herkunftsdorf noch die Wahlstadt ist wirklich meine Heimat, der ich mich von ganzem Herzen zugehörig fühle, auf der anderen Seite ist es auch keine davon nicht.

So haben auch die Wohnungen, die ich mir eingerichtet habe, für mich inzwischen nichts Gesetztes mehr. Schließlich habe ich sie gesehen, bevor sie mein Zuhause wurde und habe auch vier davon wieder meiner Gegenstände entkleidet und sie als neutralen Ort zurückgelassen, damit sie für jemand anderen das Zuhause werden können.

Umzug

Doch von Wohnung zu Wohnung habe ich im Einrichten und wohnlich Machen dazu gelernt und in der aktuellen Wohnung stehe ich nun manchmal, zum Beispiel im Wohnzimmer und denke: “Mensch, das sieht ja aus wie das Zuhause von jemandem!”

Gestern habe ich in der Küche das Probierpäckchen Samba ins Regal geräumt und dachte daran, wie mein Sohn es zum Frühstück selbst von dort heruntergeholt hatte. Es ist für mich ein immer noch verwunderliches Phänomen, dass er sich inzwischen in der Wohnung auskennt. Die Phase, in der er mich immer als Ansprechpartner benutzt hat, der ihm diverse Dinge verschafft, die er haben möchte, zumindest außerhalb des Kinderzimmers, geht ihrem Ende zu. Er beobachtet, er merkt sich und er agiert selbsttätig, holt etwas, schiebt sich einen Hocker heran, wenn es nicht geht, manchmal, wenn er nicht gut drankommt, ruft er mich zu einer geöffneten Tür, hat es aber vorher schon versucht.

Und als ich so das Samba ins Regal räumte, wehte mich wieder diese ehrfurchtgebietende Erkenntnis an: Das, was aus meinen Versuchen entstanden ist, eine Ordnung zu schaffen, Räume einzurichten, Dinge zu verstauen, alles in einer Variation von vielen Möglichkeiten anzuordnen ist für ihn etwas anderes.
Die Dinge sind da, wo sie hingehören. Mein soundsovielter Anordnungsversuch ist für meinen Sohn ebenso gesetzt und naturgegeben, wie es für mich die Dinge in der Wohnung meiner Eltern war. Sie war ja da, bevor ich da war und ebenso hat es sich mit der Ordnung verhalten, in die ich hineingeboren bin.
Und genau so ist es mit der Stadt, die ich gewählt habe, mit dem Viertel, in das er hineingeboren wurde. Puh. Es weht mich an, es ist ein leichter Hauch von Ewigkeit, denn ich erkenne in diesen Dingen, die ich mehr oder minder zufällig ausgewählt habe, das “Wie es nun mal ist” eines anderen Menschen.

Und bis mein Sohn sich auf macht, um die Welt zu erobern, ist diese Wohnung, diese Stadt, dieses Viertel sein Zuhause – gesetzt, unhinterfragt, nicht anders denkbar.

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wie Wiedersehen

Heute morgen ein schönes Frühstück auf der Terrasse mit meinem Sohn und der Freundin seines Vaters. Später bringe ich beide in den strahlenden Sonnenschein hinaus, im aufgeheizten Auto durch die Katakomben unter dem Herzen Kölns hindurch über einen staubigen Parkplatz zum Hauptbahnhof.
Unter unzähligen Kinderzeitschriften wird mühevoll eine ausgewählt, dann geht es zum Gleis 2. Kaum ist Abschnitt C erreicht, fährt auch schon der ICE nach Berlin ein. Die beiden steigen ein, ich verfolgen ihren Weg durch die abgedunkelte Scheibe, Küsse fliegen hin und her, dann macht sich der Junge noch mal auf den Weg zur Tür, wir begegnen uns, nehmen einander in den Arm, drücken fest. Noch einmal.
“Soll ich schon gehen?”, frage ich.
Er nickt, wir lösen uns, wenden uns voneinander.
Mit einem scharfen Schmerz bleibt mein Herz stehen. Hält die Luft an, drückt die Daumen und wird erst wieder schlagen, wenn wir uns wiedersehen.

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wie Vertrauen

Neulich im Kindergarten. Ich lungere herum, während mein Sohn sich die Stiefel aus- und die Hausschuhe anzieht. Der kleine B. – mit knallblauen Augen, blondem Schopf und dem vollen Bübchencharme wie für Windelwerbung gemacht – nähert sich krabbelnd der magischen Schwelle zwischen Gruppenraum und Flur. Hält inne, wittert – mal probieren? Er krabbelt rüber und gibt Gas.

Gestern noch hab ich ihm Lachgluckser entlockt, ihm meine Nase in den Bauch gepiekst und dabei üble Knurrgeräusche gemacht, was ihn in Entzücken versetzt hat. Babies – versteh die einer.

Also wag ich’s. Ich schnapp mir das Bürschchen und trag es wieder rein. Jetzt entscheidet es sich: Wird er seine Händchen gegen meine Brust pressen und Alarm schlagen, um der fremden Frau zu entrinnen oder lässt er sich meinen Übergriff gefallen?
Schon bin ich mit ihm im Gruppenraum in der Nähe der Erzieherinnen, um ihn abzugeben, wenn nötig, da breitet er seine Arme aus, umfasst mich, soweit er kann und schmiegt die Seite seines Gesichts an meine Schulter. Und verharrt.
Verharrt.
Verharrt.
Ich spüre den Austausch. Er nimmt sich Nähe und Geborgenheit. Zu mir fließt sein Vertrauen. Tief erfreut schaukele ich im mütterlichen Seemannswiegen hin und her und bin berührt, dass ich in dem Moment so viel für ihn sein darf.

So senken die Babies die Widerhaken in die Herzen derer, die sie für würdig halten. Ob ich es der jetzt Vierzehnjährigen eines Tages mal wieder erzähle, wie schön es war, als sie mit mir in der Hängematte eingeschlafen ist, noch nicht einmal ein Jahr alt?
Es ist das Vertrauen, das mich dann so wehrlos macht, so beglückt, mir schmeichelt und meine Stärke weckt. Ein kleiner Mensch begibt sich in meine Hand und ich werde ihn nicht enttäuschen.

Umgekehrt fühle ich mich in einem Moment, in dem ich mein Vertrauen verschenke, wie ein Kind. Ich weiß nicht, worauf ich es begründe, es ist einfach da, ist mir vorausgeeilt, bevor ich merke, was ich tue und ich kann es nicht mehr zurückholen. Erwachsen schimpfe ich mich dann manchmal, weil ich doch vorsichtiger sein könnte und sehe mein kindliches Selbst so zutraulich, so verletzlich, so naiv. Und das schüttelt dann einfach den Kopf und sagt: “Lass doch. Ich hab schon recht. Wirste sehen, Miesepeter.”

Und denke dann an Menschen, die nicht vertrauen können. In meinem Leben gab und gibt es sie: Menschen, deren Vertrauen ich nicht gewinnen konnte, was auch immer ich getan und gesagt habe. Es hat mich viel Zeit und anderes gekostet, bis ich begriffen habe, dass es nicht an mir liegt. So klar ich inzwischen weiß, dass ich einen solchen Menschen nicht nah an mein Herz lassen darf, so sicher habe ich begriffen, dass Vertrauen ein Geschenk in zweifacher Hinsicht ist.
Der kleine B. vertraut, weil er gelernt hat, dass er Grund dazu hat. Seine Familie gibt ihm Geborgenheit und hört auf seine Klagen, seine Bedürfnisse. Dass er mir sein Vertrauen schenkt, liegt nur ein bisschen an mir, viel mehr an seinen (noch jungen) Erfahrungen. Er kann nichts dafür. Er kann noch nicht einmal anders.
Genausowenig wie ich.

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wie Trennung

Ich wusste es.

Vor anderthalb Jahren habe ich einen ganzen Schwung Urmel-Hörbücher gekauft, gelesen von Dirk Bach, der in diesem Zusammenhang brilliert. Ich verband damit die Hoffnung, das Urmel in die Geschichtenwelt meines Sohnes einzuarbeiten, was zunächst daran gescheitert war, dass er die Version der Augsburger Puppenkiste nicht einmal wegen ihrer Eigenschaft als FERNSEHEN gemocht hat. Aber auch die CDs blickte der Herr Sohn nicht mit seinem kleinen wohlgeformten Hintern an.

Heute ist er auf den Kindergeburtstag eines bekennenden Urmel-Fans eingeladen. Was lag für die sparsame Mutter näher, als eine der ungehört verstaubenden Urmel-CDs auszuwählen und schmerzlos einzupacken?

Schmerzlos. Ha.
Trennung lag in der Luft. Verlust. Ein furchtbares “Nie wieder!” erhob sein Haupt.

Ich hatte es allen Ernstes mit einem weinenden 6-Jährigen zu tun, der mir glaubhaft versicherte, nicht mehr seines Lebens froh werden zu können, wenn ich diese, ausgerechnet DIESE wunderschöne CD verschenkte.

Wie schön, wie einzigartig, wie wunderbar etwas ist, bemerken wir leider oft erst im Moment, wo es sich von uns entfernt. Verblüffend, wie etwas vordem Unauffälliges, an dem man tausendfach vorbeigesehen hat, mit einem Schlag Farbe bekommt, Kontur, Schönheit, Bedeutung. Die Farben der Sehnsucht – so, wie die Welt abends aussieht, wenn die schrägen Sonnenstrahlen ihr einen besonderen Hauch verleihen, kurz bevor es Nacht wird.

Ich hatte ein Schlüsselerlebnis in meiner Oberstufenzeit. Da kam ein älterer Ex-Schüler vorbei und erzählte uns ohne Punkt und Komma, wie toll doch die Schule gewesen sei. Mir kam das seltsam vor, das im Nachhinein zu empfinden und ich nahm mir vor, alles von nun an schon zu würdigen, während ich noch mittendrin bin. Seltsamerweise gelingt es mir oft. Indem ich mir den Abschied von etwas vorstelle, stelle ich die Sonne schräg und genieße – und leide auch schon ein bisschen am vorausgeahnten Verlust. Ist die Trennung dann vollzogen, ist es leicht, loszulassen, denn ich habe das Volle gekannt und genossen, es innerlich verloren und wiedergefunden und noch einmal gewürdigt.

Ob ich die CD als Geschenk eingepackt habe? Selbstverständlich. Aber nicht, ohne vorher eine Sicherheitskopie herzustellen sowie Cover und Rückseite zu fotografieren. Denn endlich – endlich! – sehe ich die Chance, das Urmel in die Geschichtenwelt meines Sohnes (und seiner Mutter) einzubringen. Öff öff.

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wie Ordnung

Wenn es eine immerwährende offene Wunde in meinem Leben gibt, dann ist es die Ordnung. Als ich noch zu Hause wohnte, war es anders – da war meine Unordnung der Dorn in der Seite meines Vaters. Um mich mit Verrat an meinen eigenen Nachkommen zu bestrafen, hat er eines Tages dieses Bild aufgenommen.

Es zeigt mein Abiturientenzimmer unter’m Dach – jenes Zimmer, das mir ausgebaut und eingerichtet wurde, nachdem ich VERSPROCHEN hatte, es immer in Ordnung zu halten. Naja. Ja, ich fühle mich schlecht, weil dieses Versprechen von Anfang an dazu verurteilt war, gebrochen zu werden. Wieviele Leute lassen sich scheiden, nachdem sie versprochen haben, den anderen immer zu lieben und so weiter?

Fakt ist, dass ich in mir zwei sehr entgegengesetzte Strömungen zum Thema Ordnung beherberge. Wie es um die eine bestellt ist, sieht man auf den ersten Blick, wenn man meine Wohnung betritt. Menschen, die sich bei mir unbeliebt machen möchten, können das ohne großen Aufwand direkt abhaken, indem sie Sätze sagen wie: “Ach, seit deinem Einzug hat sich aber nicht viel getan.” oder “Ein schöner Balkon. Man müsste ihn nur mal aufräumen”.

Ich hasse sie besonders dafür, weil ich mir im vergeblichen Kampf gegen die Entropie richtig viel Mühe gebe, seit ich ein Kind habe. Immerhin gelingt es mir, die Räume der gemeinsamen Nutzung auf einem Level zu halten, der selbst Außenstehenden als annehmbar erscheint. Arbeite ich viel, sieht man das an den sich auftürmenden Bergen in meinem Zimmer. Dies ist das letzte Refugium, in dem das Chaos regelmäßig seine Muskeln spielen lässt.

(Nein, wir reden jetzt NICHT über Kinderzimmer.

Den Widerspruch zwischen einem hingerissen in das Spielfeld von gestern eintauchenden Kind und dem quasi pürierten Zustand, in den ein Kinderzimmer nach drei Tagen nicht Aufräumen eingeht, habe ich noch nicht gelöst und würde mich nicht wundern, wenn da auch größere Geister scheitern würden.)

Im Moment sieht es in meinem Zimmer so aus, dass ich an jenen Kleiderstuhl in einer ehemaligen Wohnung denken muss, von dem der Berg an gebrauchten, aber noch nicht waschreifen Kleidern sich immer mal wieder aufgemacht hat, sich in den Flur vorzutasten. Dabei wirkte er, als würde er die Übernahme der Wohnung vorbereiten.

Die andere Seite sieht man, wenn man sich die Mühe macht, einen genaueren Blick zum Beispiel in meine Bücherregale zu werfen. Genau: Nach Genre und alphabetisch sortiert. Die CDs: Alphabetisch sortiert. Die Oberbekleidung: Saubere Stapel in ärmellos, kurzärmelig und langärmelig sortiert. Die Töpfe haben ihren festen Stapelplatz. Anders passen sie nicht ins Regal.

Und DAS erklär mir mal bitte einer.

Interessanterweise hat gerade die Person, von der die oben genannten despektierlichen Äußerungen stammen, mir einmal verraten, dass bei ihr die Unordnung IN den Schränken stattfindet. Bei mir ist sie außerhalb. Dem Auge sichtbar, während die Ordnung unsichtbar ist – wie zum Beispiel auch im Verzeichnis meines Computers.

Sicher hat die Fähigkeit, Ordnung zu halten, etwas mit Gewohnheit, Selbstdisziplin und der Einstufung des Aufräumens in der Prioritätenliste mit anderen Tätigkeiten zu tun. Aber möglicherweise sagt sie auch etwas darüber aus, wie wir mit den Dingen – oder Erlebnissen, oder Gefühlen – umgehen, die wir noch nicht eingeordnet haben. Wer mich kennt und meine Wohnung betritt, weiß ungefähr, wie es mir gerade geht.
Ob es mir damit jetzt nun besser geht, als wenn ich es einfach mal ordentlich hätte?

wie Hanns

Hanns fehlt mir. Das ist seltsam, wo wir doch viele Jahre in derselben Straße gewohnt haben, ohne einander überhaupt noch zu bemerken. Und dass, obwohl er der erste Junge war, den ich gerne geküsst hätte – lange vor der Zeit, wo einen das eigentlich beschäftigen sollte. Aber wir spielten nun mal Flaschendrehen unter Nachbarskindern. Thomas hat den Kuss gekriegt, der keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Hanns später auch nicht. Ich habe ihn mal gefragt, wo er eigentlich war, in diesen Jahren zwischen unserer gemeinsamen Kindheit und seinem Weggang in sein geliebtes Dortmund. In der Langenbergstraße. Im Dorf. Im Savoy, meiner Leib- und Magendiskothek, in der ich zeitweise jeden Abend war. Ich habe ihn nicht bemerkt oder erinnere mich nicht daran.
Vielleicht lag das daran, dass ich ihn ein wenig fürchtete – er hatte einen Humor, den ich als hart empfand, einen kühlen, fernen Blick und ultracoole Freunde, die aber auf eine Art abgedreht waren, dass ich mehr verwundert als bewundernd vor ihnen stand.

Wenn ich Auto fahre, höre ich manchmal seine Stimme.
„Na, Anette, wie steht’s? Was macht das Leben?“
Ich stelle mir vor, dass sie von oben kommt, irgendwo aus den Wolken heraus, wo er ab und zu – wenn ich mal ein Ohr für ihn frei habe – nach dem Rechten schaut. Nach mir. Wie es mit meinem Leben inzwischen weitergegangen ist.

Oh, er war kein Freund von Selbstmitleid. Obwohl gerade er allen Grund dazu gehabt hätte. Auch wenn er mit Heinrich Heine nicht viel am Hut hatte – eher waren Bukowski und Die Drei seine Gefährten – teilte er mit jenem das Verhängnis einer Matratzengruft. „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ – ein Tilt! des Immunsystems, das sich in Konzentrationsschwäche, Kopf- und Gliederschmerzen, Herzrasen und Schlafstörungen äußert, dem Körper jegliche Leistungsfähigkeit nimmt. Obwohl er zu schwach war, um ein normales Leben zu führen, konnte er nicht einschlafen und führte mich bei meinen Besuchen ein in die Welt des Spätfernsehens. Wunderbar Bob Ross der amerikanische Maler, der mit leichter Hand „fluffy little clouds“ auf die Leinwand zauberte.
Der Medikamentenmix hatte Hanns aufgeschwemmt. Er sah aus, als hätte jemand in den alten Hanns, schlank und markant, einen Strohhalm gesteckt und ihn aufgepustet, bis er zu platzen drohte.

Ich hätte mich wohl nicht bei ihm gemeldet, wäre ich mir selbst nicht gerade wie ein Außenseiter vorgekommen, ein Stiefkind des Lebens, von jenem vor die Tür geschickt. Bei mir war es nur ein nachhaltig gebrochenes Herz. Und dennoch maßte ich mir an, mich mit ihm verbunden zu fühlen, der als Enddreißiger wieder unter das Dach seiner Eltern hatte kriechen müssen. Und er begrüßte den Kontakt. Verwundert. Freundlich. „Old Hank“, so nannte er sich, wir schrieben, wir mailten, wir telefonierten und schließlich besuchte ich ihn in seiner Räuberhöhle. Darin lag er auf seiner 90cm schmalen Matratze unter der Schräge und blickte auf das lebensgroße Foto seines gesunden Selbst, das zwischen CDs und Anlage im Ansetzen einer Flasche Bier kühl auf ihn herabsah.

Dort hörten wir Musik, tranken mal Wein, mal Bier, mal koffeinfreien Kaffee, er im Schneidersitz auf der Matratze, ich ebenso davor, zwischen uns ein Tischchen, auf dem sich Mineralien zum Einnehmen, Medikamente, Kaffeemilch, Aschenbecher, Blättchen, Tabak und Feuerzeuge tummelten. Wir unterhielten uns. Erzählten unsere Leben, die vergangenen und die aktuellen, sprachen über gebrochene Herzen und enttäuschte Hoffnungen auf Gesundung, Musiker, Gitarren und Gott.
Wir wurden Freunde.
Fuhr ich nach einem Aufenthalt in der alten Heimat nach Hause, klingelte das Telefon und Hanns war dran, um mich dort wieder zu begrüßen. Meine Einsamkeit zu lindern. So wie ich vielleicht seine ein wenig linderte. Er hatte genug Freunde, die sich um ihn kümmerten, ihn besuchten, ihn zu sich holten. Aber er war rausgeworfen aus dem Rouletterad, eine Kugel, die über den Parkettboden gehüpft war und nun in einer Ritze feststeckte. Unwiderruflich beschädigt.

Als ich wusste, dass ich schwanger war, telefonierten wir. Es gab keine tragfähige Liebesbeziehung zu diesem Kind der Zukunft und ich zweifelte, ob ich allein es schaffen würde. Zwei Stunden nach dem Telefonat rief Hanns noch einmal an. Sehr betrunken. Und er sagte: „Du musst das Kind kriegen, Mindelan, du musst!“
Ich nahm ihm das übel. Ich nehme es jedem übel, wenn er mir in meine Entscheidungen hineinredet, selbst wenn er für die richtige Variante votiert und absolut recht hat.
Mein Leben wurde turbulent, ich war sehr beschäftigt damit, die neue Richtung zu bewältigen, mich auf den neuen Gast in meinem Leben vorzubereiten. Die Telefonate wurden weniger, die Besuche seltener.

Das letzte Mal rief er an, als ich in den Wehen lag. Als Geburtsanzeige bekam er eine Mail. Sein Vater, den seine Mutter schon seit ein paar Jahren pflegte, starb kurz vor Weihnachten. Hanns am 10. Januar – Herzversagen, Selbstmord hatte er vehement abgelehnt. Hatten wir noch einmal telefoniert? Ich hatte keine Chance, an der Beerdigung teilzunehmen. Einmal besuchte ich sein Grab und pflanzte ein wildes Veilchen auf das kleine Fleckchen, dass er sich mit seinem Vater teilt. Ich weiß nicht, ob es angewachsen ist.

Wenn ich ihn höre, auf meinen einsamen Autobahnfahrten, frage ich mich, ob ich es so machen darf, wie Hilde Domin es beschreibt: Den Toten wie in einer Tasche mit sich tragen, wo er sich nicht beklagt, wenn man eine Weile nicht an ihn denkt, er, der nicht widerspricht und ganz für uns da ist. Es kommt mir ein bisschen wie Missbrauch vor. Und wie etwas, das nur in meiner Fantasie stattfindet.

Und Hanns war ganz real. Das könnt Ihr mir glauben.

wie Glück

Mein Glück ist ein warmer Fuß, der sich in meine kühle Leiste schmiegt, weich, denn er ist noch klein und ohne harte Haut an der Sohle. Mein Glück ist der Anblick des friedlichen Knabengesichtes im Schlaf – so unbewegt und friedlich, wie es im Wachsein belebt und bewegt ist.

Mein Glück ist eine Ganzkörperumarmung – der Fünfjährige lässt sich hochheben, schlingt Arme und Beine um mich und schmiegt den Kopf in meine Schulter oder seine weiche Wange an die meine. Mein Glück ist die Betrachtung dieses Kindes in einer Situation der Zufriedenheit und des Genusses, allein oder im Zusammenspiel mit anderen. „Alles ist gut“, ist ein Satz, der dieses Glück ausdrückt. Und der helle Stich dieses Glücks ist genauso flüchtig wie eine Kinderumarmung, ein Kuscheln auf dem Schoß, das im Fluss sich umwandelt in eine andere Haltung, ein Hampeln und wieder zurück.
Mein Glück ist auch eine Pause in der Hängematte, gewiegt und einen Moment der Zeit entronnen, ein warmes Gefühl im Bauch. So ist es gut, sagt mein Glück.

Das Empfinden des Glücks sucht den Moment, möchte ihn festhalten und ins Ewige verlängern – das faust’sche Stehenbleiben im Vollkommenen trifft es hier. Das Kind als der beste buddhistische Lehrer zeigt, dass es nicht geht. Auch wenn ich vor dieser Lehre immer wieder gern die Augen verschließe und mit dem digitalen Kescher Glücksbilder einfange.

Im Liebesglück habe ich die Illusion kennen gelernt, Glück wäre verlängerbar, gar dauerhaft. Mit dem Geliebten lebte ich in der gleichen Geschwindigkeit und mein Glück bestand darin, angekommen zu sein. Die logische Folge: Atem anhalten und Pausetaste drücken. Wie jeder ahnt: Es ging nicht gut.
Als ich das Glück zum Inhalt nahm, verlor ich den Kompass für mein Handeln, ersetzte ihn durch einen statischen Wegweiser. Ich lernte Dinge, die ich nie lernen wollte. Und dachte später: Mein Glück wäre vorbei, aufgebraucht, für immer.

Ich habe mich geirrt.

Und wenn der Knabe aus dem Urlaub mit seinem Vater wiederkehren wird, fliegt er die Treppenstufen hinab, lachend, so wie auch ich lachen werde, in meine Arme und in meinem Inneren wird ein ganzer Beutel voller Glück zerplatzen.

Oder wie es die wunderbare Hilde Domin ausgedrückt hat:
„Und das Glück beißt seinen kleinen Zahn in mein Herz.“

 in Englisch

wie Erfolg

Erfolg ist doch was Feines. Versuch macht kluch und wenn’s gelingt, hat man Erfolg. Wie zum Beispiel die nicht riechende Nachbarin, die unter mir wohnt. Die hat Erfolg. Sie ist irgendwas beim Fernsehen des großen Regionalsenders und ganz viel unterwegs. 70-Stunden-Wochen. Das ist doch ein Zeichen von Erfolg, oder? Arbeiten bis zur Erschöpfung?

Das führt dann auch mal dazu, dass so jemand Samstag morgen um acht oder halb neun im Nickischlafanzug fast weinend vor der Tür der Nachbarin oben drüber steht und von dieser verlangt, sie müsse ihre Zimmer umräumen. Denn wenn jemand 70 Stunden in der Woche arbeitet, dann geht das überhaupt nicht, das am Wochenende das Trappeln eines Kindes um halb acht morgens schon die dringend notwendige Ruhe rüde abbricht.

Das folgende Gespräch wurde unerfreulich. Es fielen Aussagen des Inhaltes, dass sie die Wohnung mit Absicht in einem Haus mit vielen alten Leuten gekauft hatte (was nicht für ihre Weitsicht spricht) und dass sie sich ja nun mit Absicht keine Kinder zugelegt hätte und es ihr ohnehin reiche, wenn sie in der Woche bei der Fernsehproduktion die ganze Zeit mit Kindern arbeiten müsse.

Nein. Ich habe nicht gefragt, wie das Endergebnis im Fernsehen heißt. Ich wollte es nicht wissen. Ich habe tatsächlich sogar eine Weile gebraucht, um mein schlechtes Gewissen zu vaporisieren. Es ist erlaubt, ein Kind zu halten. Es ist auch erlaubt, sich bereits um halb acht in der gemieteten Wohnung zu bewegen.

Aber das ist es, was ich mit dem Begriff “Erfolg” verbinde: Erfolgsorientheit bis hin zu einer Anspruchshaltung, die von der Umgebung verlangt, sich den eigenen Vorstellungen ohne langes Zucken anzupassen.

Ich habe ein Versöhnungsgespräch versucht und die junge Frau auf meinen Balkon eingeladen. Vergeblich bot ich ihr etwas zu trinken an. Dieses mochte sie nicht, jenes vertrug sie nicht. Inzwischen war ihr auch klar geworden, dass noch nicht einmal sie es den Menschen in der Wohnung über ihr verbieten konnte, zu LEBEN. Sie gab sich also mit meinem Versprechen zufrieden, dass ich Teppiche besorgen würde.

Und das war es. Jeden Tag gehe ich einige Male an ihrer Tür vorbei. Davor liegt eine Borsten lassende Fußmatte, auf der “Heimat” steht. Oft ruht eine Zeitschrift, die ein freundlicher Nachbar mit nach oben genommen hat, mehrere Tage dort. An der Tür klebt ein Türschild, das garantiert aus Fimo ist, garantiert nicht von ihr selbst verfertigt, in seiner niedlichen Fimo-Drolligkeit aber nichts Gutes über ihren Geschmack verrät. Darauf steht “Stressfreie Zone von *ihren Namen will ich hier natürlich nicht verraten*”.

Ich sollte mein negatives Verhältnis zum Begriff “Erfolg” noch einmal überdenken. Denn das kann es nicht sein. Und wenn es mit dem Erfolg wäre, wie Tucholsky es mit dem Geld festgestellt hat: Dass es nur zu dem kommt, der es SEHR lieb hat?