Tag Archiv für Herz

wie Wiedersehen

Heute morgen ein schönes Frühstück auf der Terrasse mit meinem Sohn und der Freundin seines Vaters. Später bringe ich beide in den strahlenden Sonnenschein hinaus, im aufgeheizten Auto durch die Katakomben unter dem Herzen Kölns hindurch über einen staubigen Parkplatz zum Hauptbahnhof.
Unter unzähligen Kinderzeitschriften wird mühevoll eine ausgewählt, dann geht es zum Gleis 2. Kaum ist Abschnitt C erreicht, fährt auch schon der ICE nach Berlin ein. Die beiden steigen ein, ich verfolgen ihren Weg durch die abgedunkelte Scheibe, Küsse fliegen hin und her, dann macht sich der Junge noch mal auf den Weg zur Tür, wir begegnen uns, nehmen einander in den Arm, drücken fest. Noch einmal.
“Soll ich schon gehen?”, frage ich.
Er nickt, wir lösen uns, wenden uns voneinander.
Mit einem scharfen Schmerz bleibt mein Herz stehen. Hält die Luft an, drückt die Daumen und wird erst wieder schlagen, wenn wir uns wiedersehen.

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wie Vertrauen

Neulich im Kindergarten. Ich lungere herum, während mein Sohn sich die Stiefel aus- und die Hausschuhe anzieht. Der kleine B. – mit knallblauen Augen, blondem Schopf und dem vollen Bübchencharme wie für Windelwerbung gemacht – nähert sich krabbelnd der magischen Schwelle zwischen Gruppenraum und Flur. Hält inne, wittert – mal probieren? Er krabbelt rüber und gibt Gas.

Gestern noch hab ich ihm Lachgluckser entlockt, ihm meine Nase in den Bauch gepiekst und dabei üble Knurrgeräusche gemacht, was ihn in Entzücken versetzt hat. Babies – versteh die einer.

Also wag ich’s. Ich schnapp mir das Bürschchen und trag es wieder rein. Jetzt entscheidet es sich: Wird er seine Händchen gegen meine Brust pressen und Alarm schlagen, um der fremden Frau zu entrinnen oder lässt er sich meinen Übergriff gefallen?
Schon bin ich mit ihm im Gruppenraum in der Nähe der Erzieherinnen, um ihn abzugeben, wenn nötig, da breitet er seine Arme aus, umfasst mich, soweit er kann und schmiegt die Seite seines Gesichts an meine Schulter. Und verharrt.
Verharrt.
Verharrt.
Ich spüre den Austausch. Er nimmt sich Nähe und Geborgenheit. Zu mir fließt sein Vertrauen. Tief erfreut schaukele ich im mütterlichen Seemannswiegen hin und her und bin berührt, dass ich in dem Moment so viel für ihn sein darf.

So senken die Babies die Widerhaken in die Herzen derer, die sie für würdig halten. Ob ich es der jetzt Vierzehnjährigen eines Tages mal wieder erzähle, wie schön es war, als sie mit mir in der Hängematte eingeschlafen ist, noch nicht einmal ein Jahr alt?
Es ist das Vertrauen, das mich dann so wehrlos macht, so beglückt, mir schmeichelt und meine Stärke weckt. Ein kleiner Mensch begibt sich in meine Hand und ich werde ihn nicht enttäuschen.

Umgekehrt fühle ich mich in einem Moment, in dem ich mein Vertrauen verschenke, wie ein Kind. Ich weiß nicht, worauf ich es begründe, es ist einfach da, ist mir vorausgeeilt, bevor ich merke, was ich tue und ich kann es nicht mehr zurückholen. Erwachsen schimpfe ich mich dann manchmal, weil ich doch vorsichtiger sein könnte und sehe mein kindliches Selbst so zutraulich, so verletzlich, so naiv. Und das schüttelt dann einfach den Kopf und sagt: “Lass doch. Ich hab schon recht. Wirste sehen, Miesepeter.”

Und denke dann an Menschen, die nicht vertrauen können. In meinem Leben gab und gibt es sie: Menschen, deren Vertrauen ich nicht gewinnen konnte, was auch immer ich getan und gesagt habe. Es hat mich viel Zeit und anderes gekostet, bis ich begriffen habe, dass es nicht an mir liegt. So klar ich inzwischen weiß, dass ich einen solchen Menschen nicht nah an mein Herz lassen darf, so sicher habe ich begriffen, dass Vertrauen ein Geschenk in zweifacher Hinsicht ist.
Der kleine B. vertraut, weil er gelernt hat, dass er Grund dazu hat. Seine Familie gibt ihm Geborgenheit und hört auf seine Klagen, seine Bedürfnisse. Dass er mir sein Vertrauen schenkt, liegt nur ein bisschen an mir, viel mehr an seinen (noch jungen) Erfahrungen. Er kann nichts dafür. Er kann noch nicht einmal anders.
Genausowenig wie ich.

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wie PMS und Partnerbörse

Achja. Ich weiß doch. Meine Rede. Bringt einen NUR schlecht drauf. Aber – was soll man machen? Immer sind alle Netten verheiratet oder verbandelt. Wenn sie grad nicht glücklich damit sind: Noch schlimmer. Dann strecken sie vielleicht ihre Fühler aus, überziehen mich mit ihrer Sehnsucht nach einem neuen, schöneren Leben. Aber mein Rücken ist nicht die Brücke in die Freiheit. An der Aufgabe zerbricht man nur einmal. Und die nicht Verheirateten? Wo sind die?

Und dann ist da dieser Wahnsinns-Männerkatalog.

Nur EINEN Klick entfernt. Aua. Nein. Es hat noch nicht mal wehgetan. Schlummerte alles, vom letzten Mal ergebnislosen Suchens und Nichtgefundenwerdens. Fix noch ein aktuelleres Foto angelegt und dann mal blättern. Was für eine Auswahl! Alles zur freien Verfügung. Hier ein Sympathieklick, dort eine kleine Bemerkung – würde ich doch so durch eine echte Männermenge gehen: Lächeln verschenken hierhin und dorthin und mich dann in Ruhe in eine gemütliche Ecke zurückziehen, um bei einem “Salty Dog” die Ernte einzufahren.

Wenn ja wenigstens jedem der IQ, der EQ und der “Beziehungsstatus” auf die Stirn tätowiert wäre, dann wäre das auch im echten Leben ein Zuckerschlecken. Sozusagen. Aber im Blindflug durch den Alltag, meinen wirklich geliebten Alltag, der mich aber so selten an Männertrauben vorbeiführt…
Die liebe B., die schon viele kluge Dinge gesagt hat, meinte einmal, als ich ausholte, um über meine statistischen Chancen zu schwadronieren, einen passenden Mann zu finden – mehr eigentlich, um mich selbst zu entlasten, denn diese Chancen stehen eher schlecht – B. also meinte: Es kommt nicht auf die riesige Auswahl an. “Schließlich brauchst Du ja nur EINEN, der passt.” Genau. So einfach ist das.

Naja. Und eigentlich habe ich ja auch schon einen Brief ans Universum geschrieben. Auf A 3 mit dickem Filzer – schließlich kann man vom Universum nicht verlangen, dass es fuzzelige 12 pt lesen kann, oder? Wie sagte H. so schön: Aufschreiben, abschicken und vergessen. (Er hat übrigens nicht geschrieben, wohin – also hab ich’s ihm geschickt. Soll er sehen, was er damit anfängt.)
Der hat ja auch kein PMS, der liebe H. Darum weiß er auch nicht, dass regelmäßig das große Geheule im glücklichen Leben kommt. Zwei bis drei Tage. (Siehe zum Beispiel K wie Konform). Und dann ist wieder wochenlang Ruhe. In der Zeit schreibe ich keine traurigen Blogs. Und da sind die Partnerbörsen nicht mal im denkbaren Bereich, geschweige denn in Klickentfernung zu messen.

Naja. Spätestens bei S wie Suche werden wir sehen, wie es weitergegangen ist.

wie Licht

Die Sonne steht gerade noch über dem Haus an der anderen Seite des weiten Innenhofs. Ihr Licht strahlt durch die Blätter der Birke hindurch.

Glühende Fäden blitzen auf, einzelne Spinnweben, die der Wind sacht schaukelt und so in das Licht hinein und aus ihm heraus führt, stets nur einen Teil ihrer feinen Gestalt beleuchten lässt. Weiter hinten, zwischen den Zweigen der Birke, tanzen Insekten, von hier nur als flinke Körper aus Licht zu erkennen, die durch die Luft flitzen.
Die Blätter bewegen sich zur Seite und lassen einen Strahl hindurch, durch mein Auge direkt in mein Herz.

wie Glück

Mein Glück ist ein warmer Fuß, der sich in meine kühle Leiste schmiegt, weich, denn er ist noch klein und ohne harte Haut an der Sohle. Mein Glück ist der Anblick des friedlichen Knabengesichtes im Schlaf – so unbewegt und friedlich, wie es im Wachsein belebt und bewegt ist.

Mein Glück ist eine Ganzkörperumarmung – der Fünfjährige lässt sich hochheben, schlingt Arme und Beine um mich und schmiegt den Kopf in meine Schulter oder seine weiche Wange an die meine. Mein Glück ist die Betrachtung dieses Kindes in einer Situation der Zufriedenheit und des Genusses, allein oder im Zusammenspiel mit anderen. „Alles ist gut“, ist ein Satz, der dieses Glück ausdrückt. Und der helle Stich dieses Glücks ist genauso flüchtig wie eine Kinderumarmung, ein Kuscheln auf dem Schoß, das im Fluss sich umwandelt in eine andere Haltung, ein Hampeln und wieder zurück.
Mein Glück ist auch eine Pause in der Hängematte, gewiegt und einen Moment der Zeit entronnen, ein warmes Gefühl im Bauch. So ist es gut, sagt mein Glück.

Das Empfinden des Glücks sucht den Moment, möchte ihn festhalten und ins Ewige verlängern – das faust’sche Stehenbleiben im Vollkommenen trifft es hier. Das Kind als der beste buddhistische Lehrer zeigt, dass es nicht geht. Auch wenn ich vor dieser Lehre immer wieder gern die Augen verschließe und mit dem digitalen Kescher Glücksbilder einfange.

Im Liebesglück habe ich die Illusion kennen gelernt, Glück wäre verlängerbar, gar dauerhaft. Mit dem Geliebten lebte ich in der gleichen Geschwindigkeit und mein Glück bestand darin, angekommen zu sein. Die logische Folge: Atem anhalten und Pausetaste drücken. Wie jeder ahnt: Es ging nicht gut.
Als ich das Glück zum Inhalt nahm, verlor ich den Kompass für mein Handeln, ersetzte ihn durch einen statischen Wegweiser. Ich lernte Dinge, die ich nie lernen wollte. Und dachte später: Mein Glück wäre vorbei, aufgebraucht, für immer.

Ich habe mich geirrt.

Und wenn der Knabe aus dem Urlaub mit seinem Vater wiederkehren wird, fliegt er die Treppenstufen hinab, lachend, so wie auch ich lachen werde, in meine Arme und in meinem Inneren wird ein ganzer Beutel voller Glück zerplatzen.

Oder wie es die wunderbare Hilde Domin ausgedrückt hat:
„Und das Glück beißt seinen kleinen Zahn in mein Herz.“

 in Englisch