Tag Archiv für Geschichten

wie Quelle

tal ohne wiederkehr

Der Fontaine de Barenton liegt im bretonischen Wald von Brosceliande. Es soll die Gewitterquelle sein, an der die Abenteuer des Ritters Yweins beginnen. Eine blitzgewaltige Ritterquelle ist guter Fantasiestoff für Kinder. Also fügen wir sie unserer Reiseroute hinzu. Wie es das Schicksal will, fällt mir Iwein Löwenritter von Felicitas Hoppe in die Hände. Die passende Abendlektüre für den Urlaub.

Das geht dann so: Ich setze mich auf das Sofa, die Kinder verteilen sich um mich herum. Ich lese vor. Leise setzen sich auch die Erwachsenen in Hörweite. Angepeilt sind drei Kapitel pro Abend. Es ist nie genug. Selbst wenn es sechs Kapitel werden oder zehn.

Das Buch zu lesen, ist ein reines Vergnügen. Die klare, schöne Sprache, das auf Kinder ausgerichtete Erzählen freuen mich besonders, als ich die sonderbare Geschichte wiedererkenne, die mir in meinem Studium begegnet ist. Hoppe hievt den mittelalterlichen Stoff in die Köpfe der neuen Generation. In den folgenden Tagen müssen die Achtjährigen davon abgehalten werden, heimlich weiter zu lesen.

Ich denke an den Abt von Caesarius von Heisterbach, der seine Mönche schimpft: “Wenn ich euch eine Geschichte vom Hof des Königs Artus erzählen will, da macht ihr die Ohren auf und lauscht begierig, aber wenn ich euch von Gott reden will, dann schlaft ihr!”

Und es bleibt nicht beim Iwein. Auf der benachbarten „Grande Ile“ entdecken wir die sîte de castle Erec. Meine Reisegefährten kennen den Erec von Hartmann von Aue als die einzige Liebesgeschichte der Literatur, die gut ausgeht. Ich erinnere mich hauptsächlich an die schwachsinnigen Strafen, mit denen ein empörter Erec seine Enite für die eigenen Fehler peinigt, bis er am Ende schließlich kapiert, was schiefgelaufen ist. Als ich die Geschichte auf dem Weg zur nicht mehr sichtbaren Erec-Burg den Erwachsenen erzähle, hängen die Kinder an uns wie die Fruchtfliegen an der Aprikose.

Hoffentlich hält die wundersame Quelle im Sagenwald den inzwischen aufgeblühten Erwartungen stand. Ich beginne vorzubauen, erzähle den Kindern, dass die Quelle vermutlich nicht mehr funktioniert, sie also weder mit einem furchtbaren Unwetter noch mit einem heranpreschenden Ritter rechnen sollten.

Schließlich sind wir im Wald von Brosceliande. Schon am Eingang wird deutlich, dass hier die Überlieferung überaus biegsam gehandhabt wird. Das Val sans Retour der Fee Morgaine liegt erst seit wenigen Jahrzehnten in diesem Wald – seit das ursprünglich mit der Legende verknüpfte Tal durch Industriebauten so arg verschandelt wurde, dass an Feen nicht mehr zu denken war, an Touristen schon gar nicht.

“Erzähl uns noch eine Geschichte von Rittern”, betteln die Kinder. Während wir furchtlos das Tal ohne Wiederkehr betreten, erzähle ich die Geschichte vom Schwert im Stein. Später fange ich vom Parzival an.

Auch der Quelle könnte eine diskreten Umverlegung unterlaufen sein. Ich erinnere mich aus meinem Besuch vor 16 Jahren an ein unspektakuläres Rinnsal, das dem Laub nur wenige Schritte vom Parkplatz entspringt. Jetzt gehen wir erst einmal zwanzig Minuten, bis wir an einen schön in Steine gefassten Born kommen. Die Kinder beginnen sofort, Wasser zu schöpfen, doch es scheint so, als sei der rechte Stein nicht mehr am Platz, auf den das Wasser gespritzt werden musste, um Donner, Sturm und Reiter herbeizurufen. Nachdem wir die Kinder anschließend davon abgehalten haben, die Steinfassung der Quelle zugunsten eines Staudamms zu demontieren, legen wir eine kleine Leserunde ein.

Am Parkplatz steht ein Schild. Es möchte sich nicht festlegen, ob dies Yweins Gewitterquelle ist oder vielleicht doch die Quelle sei, an der ein bis über beide Ohren verknallter Merlin all sein Wissen an Viviane weitergegeben hat. Warum nicht einfach beides?
Den Ywein lesen wir nach dem Urlaub zu Ende. Er hat seinen Platz in der Fantasie der Kinder gefunden.

Die Quelle selbst ist nicht wichtig. Sie ist nur von Belang für den Strom, der ihr entspringt, ob er aus Wasser besteht oder aus Geschichten.