Tag Archiv für Freunde

wie Vertrauen

Neulich im Kindergarten. Ich lungere herum, während mein Sohn sich die Stiefel aus- und die Hausschuhe anzieht. Der kleine B. – mit knallblauen Augen, blondem Schopf und dem vollen Bübchencharme wie für Windelwerbung gemacht – nähert sich krabbelnd der magischen Schwelle zwischen Gruppenraum und Flur. Hält inne, wittert – mal probieren? Er krabbelt rüber und gibt Gas.

Gestern noch hab ich ihm Lachgluckser entlockt, ihm meine Nase in den Bauch gepiekst und dabei üble Knurrgeräusche gemacht, was ihn in Entzücken versetzt hat. Babies – versteh die einer.

Also wag ich’s. Ich schnapp mir das Bürschchen und trag es wieder rein. Jetzt entscheidet es sich: Wird er seine Händchen gegen meine Brust pressen und Alarm schlagen, um der fremden Frau zu entrinnen oder lässt er sich meinen Übergriff gefallen?
Schon bin ich mit ihm im Gruppenraum in der Nähe der Erzieherinnen, um ihn abzugeben, wenn nötig, da breitet er seine Arme aus, umfasst mich, soweit er kann und schmiegt die Seite seines Gesichts an meine Schulter. Und verharrt.
Verharrt.
Verharrt.
Ich spüre den Austausch. Er nimmt sich Nähe und Geborgenheit. Zu mir fließt sein Vertrauen. Tief erfreut schaukele ich im mütterlichen Seemannswiegen hin und her und bin berührt, dass ich in dem Moment so viel für ihn sein darf.

So senken die Babies die Widerhaken in die Herzen derer, die sie für würdig halten. Ob ich es der jetzt Vierzehnjährigen eines Tages mal wieder erzähle, wie schön es war, als sie mit mir in der Hängematte eingeschlafen ist, noch nicht einmal ein Jahr alt?
Es ist das Vertrauen, das mich dann so wehrlos macht, so beglückt, mir schmeichelt und meine Stärke weckt. Ein kleiner Mensch begibt sich in meine Hand und ich werde ihn nicht enttäuschen.

Umgekehrt fühle ich mich in einem Moment, in dem ich mein Vertrauen verschenke, wie ein Kind. Ich weiß nicht, worauf ich es begründe, es ist einfach da, ist mir vorausgeeilt, bevor ich merke, was ich tue und ich kann es nicht mehr zurückholen. Erwachsen schimpfe ich mich dann manchmal, weil ich doch vorsichtiger sein könnte und sehe mein kindliches Selbst so zutraulich, so verletzlich, so naiv. Und das schüttelt dann einfach den Kopf und sagt: “Lass doch. Ich hab schon recht. Wirste sehen, Miesepeter.”

Und denke dann an Menschen, die nicht vertrauen können. In meinem Leben gab und gibt es sie: Menschen, deren Vertrauen ich nicht gewinnen konnte, was auch immer ich getan und gesagt habe. Es hat mich viel Zeit und anderes gekostet, bis ich begriffen habe, dass es nicht an mir liegt. So klar ich inzwischen weiß, dass ich einen solchen Menschen nicht nah an mein Herz lassen darf, so sicher habe ich begriffen, dass Vertrauen ein Geschenk in zweifacher Hinsicht ist.
Der kleine B. vertraut, weil er gelernt hat, dass er Grund dazu hat. Seine Familie gibt ihm Geborgenheit und hört auf seine Klagen, seine Bedürfnisse. Dass er mir sein Vertrauen schenkt, liegt nur ein bisschen an mir, viel mehr an seinen (noch jungen) Erfahrungen. Er kann nichts dafür. Er kann noch nicht einmal anders.
Genausowenig wie ich.

Kommentare

wie Hanns

Hanns fehlt mir. Das ist seltsam, wo wir doch viele Jahre in derselben Straße gewohnt haben, ohne einander überhaupt noch zu bemerken. Und dass, obwohl er der erste Junge war, den ich gerne geküsst hätte – lange vor der Zeit, wo einen das eigentlich beschäftigen sollte. Aber wir spielten nun mal Flaschendrehen unter Nachbarskindern. Thomas hat den Kuss gekriegt, der keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Hanns später auch nicht. Ich habe ihn mal gefragt, wo er eigentlich war, in diesen Jahren zwischen unserer gemeinsamen Kindheit und seinem Weggang in sein geliebtes Dortmund. In der Langenbergstraße. Im Dorf. Im Savoy, meiner Leib- und Magendiskothek, in der ich zeitweise jeden Abend war. Ich habe ihn nicht bemerkt oder erinnere mich nicht daran.
Vielleicht lag das daran, dass ich ihn ein wenig fürchtete – er hatte einen Humor, den ich als hart empfand, einen kühlen, fernen Blick und ultracoole Freunde, die aber auf eine Art abgedreht waren, dass ich mehr verwundert als bewundernd vor ihnen stand.

Wenn ich Auto fahre, höre ich manchmal seine Stimme.
„Na, Anette, wie steht’s? Was macht das Leben?“
Ich stelle mir vor, dass sie von oben kommt, irgendwo aus den Wolken heraus, wo er ab und zu – wenn ich mal ein Ohr für ihn frei habe – nach dem Rechten schaut. Nach mir. Wie es mit meinem Leben inzwischen weitergegangen ist.

Oh, er war kein Freund von Selbstmitleid. Obwohl gerade er allen Grund dazu gehabt hätte. Auch wenn er mit Heinrich Heine nicht viel am Hut hatte – eher waren Bukowski und Die Drei seine Gefährten – teilte er mit jenem das Verhängnis einer Matratzengruft. „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ – ein Tilt! des Immunsystems, das sich in Konzentrationsschwäche, Kopf- und Gliederschmerzen, Herzrasen und Schlafstörungen äußert, dem Körper jegliche Leistungsfähigkeit nimmt. Obwohl er zu schwach war, um ein normales Leben zu führen, konnte er nicht einschlafen und führte mich bei meinen Besuchen ein in die Welt des Spätfernsehens. Wunderbar Bob Ross der amerikanische Maler, der mit leichter Hand „fluffy little clouds“ auf die Leinwand zauberte.
Der Medikamentenmix hatte Hanns aufgeschwemmt. Er sah aus, als hätte jemand in den alten Hanns, schlank und markant, einen Strohhalm gesteckt und ihn aufgepustet, bis er zu platzen drohte.

Ich hätte mich wohl nicht bei ihm gemeldet, wäre ich mir selbst nicht gerade wie ein Außenseiter vorgekommen, ein Stiefkind des Lebens, von jenem vor die Tür geschickt. Bei mir war es nur ein nachhaltig gebrochenes Herz. Und dennoch maßte ich mir an, mich mit ihm verbunden zu fühlen, der als Enddreißiger wieder unter das Dach seiner Eltern hatte kriechen müssen. Und er begrüßte den Kontakt. Verwundert. Freundlich. „Old Hank“, so nannte er sich, wir schrieben, wir mailten, wir telefonierten und schließlich besuchte ich ihn in seiner Räuberhöhle. Darin lag er auf seiner 90cm schmalen Matratze unter der Schräge und blickte auf das lebensgroße Foto seines gesunden Selbst, das zwischen CDs und Anlage im Ansetzen einer Flasche Bier kühl auf ihn herabsah.

Dort hörten wir Musik, tranken mal Wein, mal Bier, mal koffeinfreien Kaffee, er im Schneidersitz auf der Matratze, ich ebenso davor, zwischen uns ein Tischchen, auf dem sich Mineralien zum Einnehmen, Medikamente, Kaffeemilch, Aschenbecher, Blättchen, Tabak und Feuerzeuge tummelten. Wir unterhielten uns. Erzählten unsere Leben, die vergangenen und die aktuellen, sprachen über gebrochene Herzen und enttäuschte Hoffnungen auf Gesundung, Musiker, Gitarren und Gott.
Wir wurden Freunde.
Fuhr ich nach einem Aufenthalt in der alten Heimat nach Hause, klingelte das Telefon und Hanns war dran, um mich dort wieder zu begrüßen. Meine Einsamkeit zu lindern. So wie ich vielleicht seine ein wenig linderte. Er hatte genug Freunde, die sich um ihn kümmerten, ihn besuchten, ihn zu sich holten. Aber er war rausgeworfen aus dem Rouletterad, eine Kugel, die über den Parkettboden gehüpft war und nun in einer Ritze feststeckte. Unwiderruflich beschädigt.

Als ich wusste, dass ich schwanger war, telefonierten wir. Es gab keine tragfähige Liebesbeziehung zu diesem Kind der Zukunft und ich zweifelte, ob ich allein es schaffen würde. Zwei Stunden nach dem Telefonat rief Hanns noch einmal an. Sehr betrunken. Und er sagte: „Du musst das Kind kriegen, Mindelan, du musst!“
Ich nahm ihm das übel. Ich nehme es jedem übel, wenn er mir in meine Entscheidungen hineinredet, selbst wenn er für die richtige Variante votiert und absolut recht hat.
Mein Leben wurde turbulent, ich war sehr beschäftigt damit, die neue Richtung zu bewältigen, mich auf den neuen Gast in meinem Leben vorzubereiten. Die Telefonate wurden weniger, die Besuche seltener.

Das letzte Mal rief er an, als ich in den Wehen lag. Als Geburtsanzeige bekam er eine Mail. Sein Vater, den seine Mutter schon seit ein paar Jahren pflegte, starb kurz vor Weihnachten. Hanns am 10. Januar – Herzversagen, Selbstmord hatte er vehement abgelehnt. Hatten wir noch einmal telefoniert? Ich hatte keine Chance, an der Beerdigung teilzunehmen. Einmal besuchte ich sein Grab und pflanzte ein wildes Veilchen auf das kleine Fleckchen, dass er sich mit seinem Vater teilt. Ich weiß nicht, ob es angewachsen ist.

Wenn ich ihn höre, auf meinen einsamen Autobahnfahrten, frage ich mich, ob ich es so machen darf, wie Hilde Domin es beschreibt: Den Toten wie in einer Tasche mit sich tragen, wo er sich nicht beklagt, wenn man eine Weile nicht an ihn denkt, er, der nicht widerspricht und ganz für uns da ist. Es kommt mir ein bisschen wie Missbrauch vor. Und wie etwas, das nur in meiner Fantasie stattfindet.

Und Hanns war ganz real. Das könnt Ihr mir glauben.