Tag Archiv für Alltag

wie Nichtstun

Wenn es einen Zeitvertreib gibt, der in meinem aktuellen Leben kläglich unterrepräsentiert ist, dann ist es das Nichtstun. Nicht so schlimm? Von wegen. Für mich ist es ein essentieller Bestandteil meines Lebens, der zu meinem Wohlbefinden notwendig ist. Das merke ich immer, wenn ich ein gesellschaftsfreies Wochenende habe, in das ich eigentlich jede Menge nützlicher Tätigkeiten hineinpacken müsste. Regelmäßig vertrödele ich dann den Samstag und achte streng darauf, dass nichts von dem, was ich unternehme, einen nützlichen Aspekt hat. Ich lese Schmöker, höre Musik, schaue fern oder liege herum. Ich kann das hervorragend. Zwei Stunden auf dem Sofa liegen, vielleicht ein bisschen wegdämmern, in die Blätter der Birke oder auf das Schattenspiel an der Wand schauen und das Hirn einfach im freien Raum schwimmen lassen. Danach ein Essen zubereiten, den Fernseher anschalten, ein bisschen Facebook stöbern und dann ins Bett gehen. Wellness für die Seele ist es und durch nichts zu ersetzen.

Habe ich das konsequent durchgehalten (was mir immer wieder gelingt, so vorwurfsvoll mich auch die Dinge, die getan werden wollen, ansehen und sich mir in den Weg werfen), erwische ich mich dabei, wie ich am Sonntag lauter nützliche Tätigkeiten abspule.
Aber nicht erst daran zeigt sich der Nutzen des Nichtsnutzigen. Denn während ich Nichts tue, sortieren sich die Angelegenheiten in meinem Hirn. Dem armen, überlasteten Ding, das im Moment in der Regel so wenig Kapazitäten hat, dass ich sofort vergesse, wo ich das Auto abgestellt, welchen Zeitpunkt ich der Jungenshüterin für ihre erwünschte Ankunft genannt habe und ähnliche nicht ganz unwesentliche Informationen. Im Nichtstun tauche ich durch die Sedimente an Fragestellungen, Erlebnissen, Aufgaben, unglaublich, was mir dann alles wieder einfällt, was sich schon längst im Schlick des Alltags verloren geglaubt hat.

Wer jedoch singt heutzutage ein Lob des Nichtstuns? Unter Freunden und Kollegen scheint es einen Wettstreit zu geben und beschlossene Sache ist es, die eigenen Kapazitäten stets bis an den Rand mit Aktivität zu füllen. Wenn noch Energie und Zeit da ist, dann kann auch noch etwas angegangen werden. Sei es im Arbeitsleben, in der Familie, im Haushalt. Schluss ist erst bei Zapfenstreich und der burn out ist der moderne Schmiss in der Wange, den man letzen Endes doch auch mit dem eigenen Stolz verursacht, einer universellen protestantischen Grundhaltung, dass man schließlich alles gegeben hat.

Sicher. Es ist großartig, seine Tage zu füllen, interessante und schöne Aktivitäten wie Perlen an der Schnur aneinander zu reihen oder wenigstens die knappe Freizeit darauf zu verwenden, schöne Dinge zu tun, die der aktuell wenig erfreulichen Arbeitswelt ein Gegengewicht geben können.

Aber am Ende stelle ich dann fest, dass ich immer weitere gekreiselt bin, angefüllt mit schönen Erinnerungen, aber einen Moment bewusster Ruhe, den habe ich dabei nur in den seltensten Fällen gefunden.

Echtes Nichtstun ist durch fast nichts zu ersetzen. Woran auch immer es liegt, bei mir sind Hirn und Hände leider fest miteinander verdrahtet. Zwar kann ich prima Radio hören, wenn ich Kartoffeln schäle, aber ich durchdringe in dieser Zeit weder große Fragestellungen, noch gelingt es mir, mich Träumen hinzugeben. „Kartoffeln, Kartoffeln, Kartoffeln“, denkt es und dann vielleicht „Topf, Wasser, Salz“.
Einzig im Gehen kann das Nichtstun noch seinen Platz finden, falls ich nicht in Eile bin und eben mal flott die Ecken und Kanten des Tages durch organisatorische Eingriffe glätten muss. Spazierengehen oder Wandern sind wunderbare Tätigkeiten; wenn ich einen Gedanken weiter denken möchte, ist es oft eine gute Idee, meinen Körper in Bewegung zu setzen, am besten ohne Ziel.
Aber heute lege ich mich lieber wieder auf’s Sofa. Schließlich habe ich gerade diesen wunderbar nichtsnutzigen Blogbeitrag geschrieben.

Und ich bin nicht allein.

wie Urlaub

Meine Abende in den nächsten zwei Wochen sind dem Recherchieren von Ferienwohnungen gewidmet. Mit lieben Freunden fahren mein Sprößling und ich nach Schweden und zumindest die Erwachsenen haben einen wahren Traumurlaub im Sinn, mit Romantik in roten Häuschen, am See, im Boot – Mücken werden passenderweise ausgeblendet. Auch die Kinder sind natürlich durch Findus und Petterson und Büllerbü entsprechend eingenordet.
Das will natürlich alles vorbereitet, geplant, gebucht sein.

Wir hatten es hier schon einmal von den Rittern. Aus Ihrer Zeit stammt auch die Idee vom Urlaub. urloup kommt von “erlauben”. Jemand, der an der Stelle, wo er steht, Pflichten hat (und wer hätte das nicht?), kann einen Höherstehenden (als Ritter seinen Fürst oder seine Dame) darum bitten, ihm urloup zu gewähren – die Erlaubnis, sich zu entfernen und etwas anderes zu tun. Kämpfen, Abenteuer suchen, herumbummeln, wie auch immer.

Wie das ausgehen kann, sehen wir bei Yvain. Der hat den Gatten der Frau Landine zuerst getötet und dann ersetzt. An seiner Statt zeigt er dem Artushof, was eine Harke – respektive ein echter Ritter – ist und ist nun Burgherr. Gawain jedoch, der alte Neider, der nämlich nie eine abkriegt, die ihn auch heiratet, erinnert ihn an den gemeinsamen Kumpel Erec, dem es nicht gut bekommen ist, sich mit seiner süßen Enite ausgiebig und ausschließlich am Eheleben zu erfreuen. Er fordert den frisch getrauten Yvain auf, direkt mal Urlaub zu nehmen. Landine ist verständlicherweise nicht entzückt (wie sehr das ihrer heißen Liebe zu Yvain oder der Schutzlosigkeit ihrer Burg in Abwesenheit eines kämpferischen Gatten geschuldet ist, bleibt ungesagt), weiß aber, was sich für eine höfisch denkende Dame gehört. Sie gewährt den Urlaub, allerdings stellt sie die Bedingung, dass Yvain spätestens nach einem Jahr wieder anzutanzen hat. Andernfalls ist alles aus. Wie es weitergeht, gehört nicht hierher, sagen wir es so: Er hätte sich und seiner Lady jede Menge Kummer erspart, wenn er nicht auf den alten Neidhammel gehört hätte. Na gut. Er hätte auch seinen Löwen nicht kennengelernt.

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Dennoch: Im Verständnis der Ritterterminologie ist ausschließlich das, was im Urlaub geschieht das, was zählt. Schließlich will ja nun auch niemand Geschichten lesen über des Werden und Vergehen der Jahreszeiten und die stetig wiederkehrenden Arbeiten, die damit verbunden sind.

Heute ist das kaum anders. Wie viele leben und ertragen den Alltag mit dem inneren Blick auf den Urlaub? Urlaub ist wie ein rettender Ausblick, der herrlich und wunderbar farbenprächtig auf das Grau des Einerleis scheint, wie Licht durch ein buntes Kirchenfenster. Es scheint eine allgemeine Übereinkunft darüber zu bestehen, das normale (Arbeits)Leben gehetzt und überfordert zu durchleiden und sich dabei mit sinkendem Kraftreservoir dem Urlaub zu nähern wie ein Verdurstender der Oase. Mich verwundert dabei schon, dass ich um uns herum nur selten eine Wüste sehe.

Möglicherweise sind für diesen pointierten Rhythmus die Schulferien verantwortlich. Ein Freund von mir, T. der Musiklehrer, malte sich einmal aus, was wäre, wenn die Sommerferien nicht so wahnsinnig lang wären. Es wäre mehr Zeit da für den Stoff, die Kinder würden in den sechs Wochen nicht alles vergessen, was man ihnen beigebracht hätte (nicht zuletzt: Wie man sich in der Schule benimmt) und damit könnte alles viel entspannter stattfinden.

Ich habe zuerst an Bullerbü gedacht. Was alles wegfallen würde, wenn man die Sommerferien streichen oder stark verkürzen würde. Baden im See, Angeln, Rüben verziehen, Garben binden – aha!?

Kartoffelernte früher

Stimmt. Daher kommt das. Ferien sind im Jahr da angeordnet, wo die Kinder im landwirtschaftlichen Zusammenhang als Arbeitskräfte gebraucht worden sind. Zum Kartoffelsetzen, zur Heumaht, zum Ernten des Getreides, später im Herbst der Rüben und der Kartoffeln. Nicht zum wochenlangen Rumlungern an fremder Leute Gestade.

Aber ist es nicht schön, die Gelegenheit zu bekommen, einmal wirklich aus dem eigenen Alltag auszusteigen? Andere Länder kennenzulernen, andere Lebensweisen, Zeit zum Reisen zu haben?
Wäre es nicht auch schön, seinen Alltag so zu gestalten, dass er einen an jedem Tag erfreut?

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