wie PMS und Partnerbörse

Achja. Ich weiß doch. Meine Rede. Bringt einen NUR schlecht drauf. Aber – was soll man machen? Immer sind alle Netten verheiratet oder verbandelt. Wenn sie grad nicht glücklich damit sind: Noch schlimmer. Dann strecken sie vielleicht ihre Fühler aus, überziehen mich mit ihrer Sehnsucht nach einem neuen, schöneren Leben. Aber mein Rücken ist nicht die Brücke in die Freiheit. An der Aufgabe zerbricht man nur einmal. Und die nicht Verheirateten? Wo sind die?

Und dann ist da dieser Wahnsinns-Männerkatalog.

Nur EINEN Klick entfernt. Aua. Nein. Es hat noch nicht mal wehgetan. Schlummerte alles, vom letzten Mal ergebnislosen Suchens und Nichtgefundenwerdens. Fix noch ein aktuelleres Foto angelegt und dann mal blättern. Was für eine Auswahl! Alles zur freien Verfügung. Hier ein Sympathieklick, dort eine kleine Bemerkung – würde ich doch so durch eine echte Männermenge gehen: Lächeln verschenken hierhin und dorthin und mich dann in Ruhe in eine gemütliche Ecke zurückziehen, um bei einem “Salty Dog” die Ernte einzufahren.

Wenn ja wenigstens jedem der IQ, der EQ und der “Beziehungsstatus” auf die Stirn tätowiert wäre, dann wäre das auch im echten Leben ein Zuckerschlecken. Sozusagen. Aber im Blindflug durch den Alltag, meinen wirklich geliebten Alltag, der mich aber so selten an Männertrauben vorbeiführt…
Die liebe B., die schon viele kluge Dinge gesagt hat, meinte einmal, als ich ausholte, um über meine statistischen Chancen zu schwadronieren, einen passenden Mann zu finden – mehr eigentlich, um mich selbst zu entlasten, denn diese Chancen stehen eher schlecht – B. also meinte: Es kommt nicht auf die riesige Auswahl an. “Schließlich brauchst Du ja nur EINEN, der passt.” Genau. So einfach ist das.

Naja. Und eigentlich habe ich ja auch schon einen Brief ans Universum geschrieben. Auf A 3 mit dickem Filzer – schließlich kann man vom Universum nicht verlangen, dass es fuzzelige 12 pt lesen kann, oder? Wie sagte H. so schön: Aufschreiben, abschicken und vergessen. (Er hat übrigens nicht geschrieben, wohin – also hab ich’s ihm geschickt. Soll er sehen, was er damit anfängt.)
Der hat ja auch kein PMS, der liebe H. Darum weiß er auch nicht, dass regelmäßig das große Geheule im glücklichen Leben kommt. Zwei bis drei Tage. (Siehe zum Beispiel K wie Konform). Und dann ist wieder wochenlang Ruhe. In der Zeit schreibe ich keine traurigen Blogs. Und da sind die Partnerbörsen nicht mal im denkbaren Bereich, geschweige denn in Klickentfernung zu messen.

Naja. Spätestens bei S wie Suche werden wir sehen, wie es weitergegangen ist.

wie Ordnung

Wenn es eine immerwährende offene Wunde in meinem Leben gibt, dann ist es die Ordnung. Als ich noch zu Hause wohnte, war es anders – da war meine Unordnung der Dorn in der Seite meines Vaters. Um mich mit Verrat an meinen eigenen Nachkommen zu bestrafen, hat er eines Tages dieses Bild aufgenommen.

Es zeigt mein Abiturientenzimmer unter’m Dach – jenes Zimmer, das mir ausgebaut und eingerichtet wurde, nachdem ich VERSPROCHEN hatte, es immer in Ordnung zu halten. Naja. Ja, ich fühle mich schlecht, weil dieses Versprechen von Anfang an dazu verurteilt war, gebrochen zu werden. Wieviele Leute lassen sich scheiden, nachdem sie versprochen haben, den anderen immer zu lieben und so weiter?

Fakt ist, dass ich in mir zwei sehr entgegengesetzte Strömungen zum Thema Ordnung beherberge. Wie es um die eine bestellt ist, sieht man auf den ersten Blick, wenn man meine Wohnung betritt. Menschen, die sich bei mir unbeliebt machen möchten, können das ohne großen Aufwand direkt abhaken, indem sie Sätze sagen wie: “Ach, seit deinem Einzug hat sich aber nicht viel getan.” oder “Ein schöner Balkon. Man müsste ihn nur mal aufräumen”.

Ich hasse sie besonders dafür, weil ich mir im vergeblichen Kampf gegen die Entropie richtig viel Mühe gebe, seit ich ein Kind habe. Immerhin gelingt es mir, die Räume der gemeinsamen Nutzung auf einem Level zu halten, der selbst Außenstehenden als annehmbar erscheint. Arbeite ich viel, sieht man das an den sich auftürmenden Bergen in meinem Zimmer. Dies ist das letzte Refugium, in dem das Chaos regelmäßig seine Muskeln spielen lässt.

(Nein, wir reden jetzt NICHT über Kinderzimmer.

Den Widerspruch zwischen einem hingerissen in das Spielfeld von gestern eintauchenden Kind und dem quasi pürierten Zustand, in den ein Kinderzimmer nach drei Tagen nicht Aufräumen eingeht, habe ich noch nicht gelöst und würde mich nicht wundern, wenn da auch größere Geister scheitern würden.)

Im Moment sieht es in meinem Zimmer so aus, dass ich an jenen Kleiderstuhl in einer ehemaligen Wohnung denken muss, von dem der Berg an gebrauchten, aber noch nicht waschreifen Kleidern sich immer mal wieder aufgemacht hat, sich in den Flur vorzutasten. Dabei wirkte er, als würde er die Übernahme der Wohnung vorbereiten.

Die andere Seite sieht man, wenn man sich die Mühe macht, einen genaueren Blick zum Beispiel in meine Bücherregale zu werfen. Genau: Nach Genre und alphabetisch sortiert. Die CDs: Alphabetisch sortiert. Die Oberbekleidung: Saubere Stapel in ärmellos, kurzärmelig und langärmelig sortiert. Die Töpfe haben ihren festen Stapelplatz. Anders passen sie nicht ins Regal.

Und DAS erklär mir mal bitte einer.

Interessanterweise hat gerade die Person, von der die oben genannten despektierlichen Äußerungen stammen, mir einmal verraten, dass bei ihr die Unordnung IN den Schränken stattfindet. Bei mir ist sie außerhalb. Dem Auge sichtbar, während die Ordnung unsichtbar ist – wie zum Beispiel auch im Verzeichnis meines Computers.

Sicher hat die Fähigkeit, Ordnung zu halten, etwas mit Gewohnheit, Selbstdisziplin und der Einstufung des Aufräumens in der Prioritätenliste mit anderen Tätigkeiten zu tun. Aber möglicherweise sagt sie auch etwas darüber aus, wie wir mit den Dingen – oder Erlebnissen, oder Gefühlen – umgehen, die wir noch nicht eingeordnet haben. Wer mich kennt und meine Wohnung betritt, weiß ungefähr, wie es mir gerade geht.
Ob es mir damit jetzt nun besser geht, als wenn ich es einfach mal ordentlich hätte?

wie Neu

Nun gab es vor ein paar Jahren mal den Herrn I. in meinem Leben, der hatte es nicht leicht, mit mir schon gar nicht. Bei ihm bin ich zum ersten Mal einer Marotte begegnet, die mir danach noch ein paar Mal über den Weg gelaufen ist: Er konnte es nicht leiden, wenn seine Zeitung schon gelesen war. Er wollte der erste sein, der über die jungfräulichen und unberührten neuen Seiten strich. Damals habe ich verständnislos reagiert. Daran hat sich nichts geändert.

“Wie neu” – Mir verbirgt sich das Privileg, das dahinter steht. Mein guter Freund T. weiß das sicher besser, denn seine Bücher sehen immer so aus, als befänden sie sich im Produktionsprozess noch VOR dem Einschweißen. Egal, wie oft er sie bereits gelesen hat. Er leidet, wenn sie Spuren des Gebrauchs tragen.

Ich hingegen erinnere mich daran, wie ich als Studentin mal gezwungen war, in einem ganz normalen Klamottengeschäft etwas einzukaufen. Wie grauenhaft es dort roch! Nach Insektenvernichtungsmittel und was sie sonst noch verwenden, damit die Lagerung keine Spuren an den Fasern hinterlässt. Was für unangenehme, künstliche Stoffe es da gab. Und – das war das Schlimmste – wie seelenlos all die Kleidungsstücke waren, die da hingen. Vielleicht sollte ich dazu sagen, dass ich als ewig untergewichtige Gazelle immer von meinen Freundinnen versorgt wurden, deren Gewicht sich nach den Teenagerjahren auf ein frauliches Maß veränderte. Mein Kleiderschrank war voll mit Geschenken, Erinnerungen, Persönlichkeiten. Das war für mich das Gegenteil von Neu. Das mochte ich. Und mag ich noch immer.

Neues hat noch keine Seele. Was ihm an Geschichte fehlt, macht es durch Gestank wett. In den jährlich neuen Autos meiner Eltern wurde mir immer schlecht vom durchdringenden Kunststoffgestank. Hatte der sich verflüchtigt, war die Zeit des Jahreswagens auch schon wieder abgelaufen und der nächste drehte mir den Magen um.

Und doch gibt es Momente, da mag ich es auch ganz gern neu: Eine CD auspacken. Ein Buch aufblättern, dessen Seitenkanten noch ganz scharf sind, wie frisch rasiert – und wenn noch zwei Seiten ganz leicht aneinanderhaften, das Geräusch beim Auseinanderziehen. Der Geruch, der von der Seite eines Bildbandes aufsteigt, die zum ersten Mal aufgeschlagen wird. Aber sonst ziehe ich es vor, Gegenstände mit Geschichte zu besitzen.

Wie hänge ich an dem alten Kleiderschrank. Meine Oma hat ihn – wie auch den Rest der Aussteuer, bis auf den Herd, für DEN musste mein Opa, der alte Schwerenöter, sein Motorrad verkaufen – von dem Geld gekauft, den sie als Magd verdient hat. Der Mann ihrer Schwester hat ihn gebaut, wie auch das runde Tischchen mit den ausgestellten Beinen und den Nähkasten in meinem Besitz. Der Schrank ist massiv und doch einfach zu demontieren, er bietet genug Raum und ist doch platzsparend zu transportieren. Er riecht nach Holz und die Bretter für die Fächer sind aus Sperrholz und auf der Rückseite des einen ist ein Bild, das ich aus meiner Kindheit kenne.
Mein Vater hat ihn von seinem honigfarbenen und gepockten Lack (letzter Schrei 1930, wer will sich beschweren?) befreien wollen. Als es ihm nicht gelang, wollte er das Ding verheizen. Stattdessen habe ich ihn angebettelt, den Schrank für mich neu zu lackieren. Inzwischen hat er wieder eine andere Farbe und bewahrt meine Kleidung seit fast 20 Jahren.

Nichts, was neu ist, kann Dir solche Geschichten erzählen. Es muss erst noch Patina ansammeln, Jahre, Menschen.

Oder nehmt es anders herum, wie es old grumpy Schopenhauer so treffend gefasst hat: “Das Neue ist selten das Gute, weil das Gute nur kurze Zeit das Neue ist.”

wie Mindelan

Meinen ersten Blog, in dem ich mit dieser alphabetischen Reihe begonnen habe, nannte ich Mindelan. Und mich gleich mit. Denn ich wollte meinen echte Namen nicht hier hinschreiben. Soooo öffentlich wollte ich nicht sein. Ein Pseudonym zu finden, war nicht so leicht. Schließlich ist es schlimm genug, wenn schon der echte Name nicht ausdrückt, wer man ist.

Ich bin in Büchern einer Autorin fündig geworden, die ich gern schon als Teenager gekannt hätte: Tamora Pierce. Das ist undankbar. Schließlich bin ich glücklich, wenigstens irgendwann auf ihre Werke gestoßen zu sein (danke Anne!), die ich dann auch folgerichtig alle wie im Rausch gekauft und gelesen habe, sei es in Deutsch oder in Englisch.
Mrs Pierce schreibt Mädchenbücher der Extraklasse. Sie spielen in einer Art verändertem Mittelalter, in dem es Magie, göttliche Wesen und Ritter gibt. Die Heldinnen, bis auf eine Ausnahme Mädchen, erleben Abenteuer, gestalten ihr Leben und stehen vor Prüfungen, wie es sich gehört. Besonders ist, dass es Pierce gelingt, ihre Figuren überzeugend individuell zu gestalten. Jede ist eigen und daraus entwickelt sich genau ihre Geschichte, ihr Weg, ihr Liebesleben und was sonst noch dazu gehört.

Mein Liebling ist Keladry von Mindelan.
Ihr Anliegen ist es, die Schwachen zu beschützen, seien es Tiere oder Menschen. Darum will sie Ritterin werden, auch wenn es ihr nach allen Regeln der Kunst erschwert wird, diese Ausbildung zu durchleben. Aber so, wie sie als Page auf Probe allein den kleinen Tyrannen unter den Knappen das Mobbing verleidet, hält sie später auch die Verantwortung aus, ein Flüchtlingslager zu leiten. Sie ist die Verkörperung der Zivilcourage und ihre einzige Schwäche sind ihre Schutzbefohlenen, für die sie ihr eigenes Wohl immer wieder riskiert.

Ich bin nicht so. Aber ich finde es erstrebenswert, sich an solch einer Figur zu orientieren. Besonders, wenn gerade 20 Zeugen in München vorbeispaziert sind, als zwei Jugendliche einen Mann totgetreten haben – obwohl die von diesem Mann beschützten Kinder Passanten um Hilfe gebeten haben. Besonders, wenn die einzige öffentliche Diskussion, die dann hörbar wird, sich um die Verschärfung des Jugendstrafrechtes dreht und nicht um den erbärmlichen Zustand an Zivilcourage auf deutschen S-Bahnhöfen.

wie Licht

Die Sonne steht gerade noch über dem Haus an der anderen Seite des weiten Innenhofs. Ihr Licht strahlt durch die Blätter der Birke hindurch.

Glühende Fäden blitzen auf, einzelne Spinnweben, die der Wind sacht schaukelt und so in das Licht hinein und aus ihm heraus führt, stets nur einen Teil ihrer feinen Gestalt beleuchten lässt. Weiter hinten, zwischen den Zweigen der Birke, tanzen Insekten, von hier nur als flinke Körper aus Licht zu erkennen, die durch die Luft flitzen.
Die Blätter bewegen sich zur Seite und lassen einen Strahl hindurch, durch mein Auge direkt in mein Herz.

wie Konform

Meistens bin ich es ja von mir gewöhnt, aber es gibt Tage, da frage ich es mich doch: Warum kann ich nicht so sein wie andere? Warum bin ich die einzige, die allein zu einer Familienfeier fährt und auch allein wieder heimkehrt? Wieso schaffe ich es nicht, normal zu sein, konform? Wo ist der Partner an meiner Seite, der so gut passt, dass ich seine Macken eben aushalte? Wo ist mein normaler Beruf, mit dem ich regelmäßiges Geld verdiene, anstatt just angesichts der Steuererklärung das Haushaltsgeld zu rationieren? Warum muss ich mich in verstiegenen Träumen üben? Roman(e) schreiben, ohne dass mir dafür jemand Geld zahlt? Warum habe ich so viele Ideen? Warum bin ich allein, ohne Partner?

Ein guter Freund sagte mir einmal, dass ich ja nicht allein sein müsse. Ich habe mich dafür entschieden. Ich will mich nicht verbiegen, etwas leben, was nicht stimmt, nur, um nicht allein zu sein.
Aber stimmt das? Ist es so, dass ich auch keinen Job will, den ich Scheiße finde. Dass ich nicht lügen will für Geld. Könnte ich denn anders? Wie lange halte ich es aus, wenn etwas nicht stimmig ist? Wie ein Lastkahn, der den Rhein stromaufwärts tuckert, würde mich etwas wegziehen, ein starker, gewaltiger Motor, der bislang noch jede Flussgeschwindigkeit überwunden hat. Ob er mich dahin bringt, wo ich sein will? Ich weiß nicht. Aber er passt auf, dass ich nicht einfach wegen einer Wurzel oder einem Büschel Seegras irgendwo hängen bleibe.

Und was passiert auf dieser kleinen Party? Ich sehe einen entfernten Bekannten, der 14 Jahre jünger ist als ich und denke: Warum nicht der? Er gefiele mir. Und manchmal schaut er mich so an, als gefiele ich ihm. Vielleicht ist ein jüngerer Mann ohnehin der richtige Ansatz für mich, denn ich wünsche mir jemanden, der mich lieben möchte, nicht jemanden, der mit mir vorlieb nimmt, weil seine Träume alle schon ausgeträumt sind. Es reicht, wenn ich mich manchmal so fühle. Und schließlich ist Susan Sarandon ja auch mit einem viel jüngeren Mann zusammen.

Schon wieder. Nicht konform. Druck wirkt auf mich einfach anders als vorgesehen: Er treibt mich immer tiefer in meine Position hinein. Macht mich das glücklicher? Unglücklicher? Da ich nur so sein kann wie ich bin, weiß ich es nicht.

Und manchmal, wenn mir mein eigenes Herausstehen, das ewige Nichtkonformsein auf den Keks geht, tröste ich mich damit, dass ich wenigstens beim Milgram-Experiment nicht mitgemacht hätte oder sie sich bei dem Asch-Experiment die Zähne an mir ausgebissen hätten. Zu was ist so ein nicht konformer Sturkopf dann doch gut. Auf jeden Fall ist es manchmal schön, sich das einzubilden.

wie J

Bis zu diesem Blog war mir gar nicht klar, dass J kein wirklicher Buchstabe der deutschen Sprache ist. Genau genommen fangen vielleicht drei oder vier Wörter damit an, die jedoch allesamt recht wichtig sind. Ja. Um nur ein Beispiel zu nennen. Jung. Wie haben das bloß die Menschen im Mittelalter geschrieben? Wahrscheinlich mit I. Oder Jagd. Nun, tatsächlich hatte sich eine rudimentäre Idee zu einem Eintrag über die Jagd in meinem Kopf geformt, die sich aber in kleine Unwohlwölkchen auflöste, als ich diesen formidablen Blogeintrag las: http://rundumschlag24.blogspot.com/2009/08/stuffed-japanese-shop-in-nagasaki.html
Selbstverständlich hatte ich mir etwas anderes ausgedacht, aber an den wichtigsten Stellen gab es so viele Berührungspunkte, dass ich einfach keine Lust mehr habe. Und da es die erste und vornehmste Aufgabe dieses Blogs ist, mir Lustgewinn beim leichtfertigen Schreiben zu verschaffen, erkläre ich hiermit den Buchstaben J für aus dem Alphabet gestrichen.
Awoll!

wie Irrtümer

Irrtümer sollte man – wie alles andere auch – mit leichter Hand begehen.

An einem heißen Tag dieses wunderbar sommerlichen Sommers stülpte ich die Innereien meines Kleiderschrankes nach außen.
Wie es bei Frauen meines Alters eine typische physiologische Entwicklung zu sein scheint, habe ich mich allmählich von der Figur einer ausgehungerten Gazelle entfernt und bin bei der freundlichen Statur eines Zebras angekommen.
Soweit kein Grund zur Klage. Allerdings hat mein Körper diese Entwicklung in Stufen und ohne klare Zielvorgabe nach einem undurchsichtigen Zeitplan durchgeführt. Letzten Sommer befand ich mich in etwa auf Höhe eines Teenager-Zebras, ohne jedoch über die Vorläufigkeit dieses Standes informiert worden zu sein. Und ich kaufte mir ein wunderbares rotes, fröhlich geblümtes Wickelsommerkleid. Ich war allein im Geschäft und fand es toll.

Zu Hause fand ich es auch noch toll. Aber als ich zum ersten Mal versuchte, damit auszugehen, stellte ich fest, dass dieses Kleid großzügigere Einblicke bot, als ich zu bieten gewillt war. Nichts von dem, was ich hervorkramte, um das zu verhindern, passte. Entweder hatte es die falsche Farbe oder einen asynchronen Ausschnitt oder es war doch noch zu offenherzig. Zudem sah im heimatlichen Spiegel mein Bauch unter der Einschnürung der Wickeltechnik schwanger aus. Was natürlich das genaue Gegenteil des erhofften Effekts war. Möglicherweise trug ich das Kleid letztes Jahr einmal – und fühlte mich unbehaglich.

Vor wenigen Tagen lachte es mich dennoch an (das Gedächtnis ist ja ein faules Ding). Die fröhlichen Farben, der feminine, an leichtfüßige Französinnen gemahnende Schnitt erweckten die Sehnsucht, mich selbst darin zu sehen. Diese wurde schnell gestillt. Noch schwangerer wollte ich nicht aussehen.

Das Kleid liegt nun auf dem Stapel aussortierter Kleidung. Selbst wenn eine Verkettung verschlankender Umstände mich wieder annähernd in Passform bringen würde, habe ich begriffen, dass mir die Voraussetzungen für dieses Kleid grundlegend abgehen.
Ich bin nun mit einer Freundin einkaufen gegangen und habe mir unter ihren scharfen Augen eine neue, zu meinem Stil und meinem Körper passende Sommergarderobe zugelegt.

Das Schlimme an einem Irrtum ist, dass es immer ein bisschen wirkt, als hätten wir ihn verhindern können, mit nur einem Quentchen mehr klarer Selbsteinschätzung.

Jacques Diderot sagt in “Jakob und sein Herr” sinngemäß: “Werter Leser, wenn Du mir schon nicht dankbar für die Geschichten bist, die ich Dir erzähle, dann sei mir wenigstens dankbar für die Geschichten, die ich Dir erspare.”

Wie viele Entscheidungen treffen wir täglich? Wieviele wirklich wichtige Gabelungen unserer Lebensweges bewältigen wir in einem Jahr? Und wie viele davon bereuen wir? Wie viele vergessen wir sofort, nachdem wir sie hinter uns haben, weil sie gut waren, richtig, zu uns passen? Wir merken uns in der Regel nur die, wo wir uns verschätzt haben, deren Folgen uns unangenehm sind.

Und an denen will ich es üben, mir selbst zu verzeihen. Ich fange an mit dem Sommerkleid. Irgendwo muss man ja anfangen.

wie Hanns

Hanns fehlt mir. Das ist seltsam, wo wir doch viele Jahre in derselben Straße gewohnt haben, ohne einander überhaupt noch zu bemerken. Und dass, obwohl er der erste Junge war, den ich gerne geküsst hätte – lange vor der Zeit, wo einen das eigentlich beschäftigen sollte. Aber wir spielten nun mal Flaschendrehen unter Nachbarskindern. Thomas hat den Kuss gekriegt, der keinen bleibenden Eindruck hinterlassen hat.

Hanns später auch nicht. Ich habe ihn mal gefragt, wo er eigentlich war, in diesen Jahren zwischen unserer gemeinsamen Kindheit und seinem Weggang in sein geliebtes Dortmund. In der Langenbergstraße. Im Dorf. Im Savoy, meiner Leib- und Magendiskothek, in der ich zeitweise jeden Abend war. Ich habe ihn nicht bemerkt oder erinnere mich nicht daran.
Vielleicht lag das daran, dass ich ihn ein wenig fürchtete – er hatte einen Humor, den ich als hart empfand, einen kühlen, fernen Blick und ultracoole Freunde, die aber auf eine Art abgedreht waren, dass ich mehr verwundert als bewundernd vor ihnen stand.

Wenn ich Auto fahre, höre ich manchmal seine Stimme.
„Na, Anette, wie steht’s? Was macht das Leben?“
Ich stelle mir vor, dass sie von oben kommt, irgendwo aus den Wolken heraus, wo er ab und zu – wenn ich mal ein Ohr für ihn frei habe – nach dem Rechten schaut. Nach mir. Wie es mit meinem Leben inzwischen weitergegangen ist.

Oh, er war kein Freund von Selbstmitleid. Obwohl gerade er allen Grund dazu gehabt hätte. Auch wenn er mit Heinrich Heine nicht viel am Hut hatte – eher waren Bukowski und Die Drei seine Gefährten – teilte er mit jenem das Verhängnis einer Matratzengruft. „Chronisches Erschöpfungssyndrom“ – ein Tilt! des Immunsystems, das sich in Konzentrationsschwäche, Kopf- und Gliederschmerzen, Herzrasen und Schlafstörungen äußert, dem Körper jegliche Leistungsfähigkeit nimmt. Obwohl er zu schwach war, um ein normales Leben zu führen, konnte er nicht einschlafen und führte mich bei meinen Besuchen ein in die Welt des Spätfernsehens. Wunderbar Bob Ross der amerikanische Maler, der mit leichter Hand „fluffy little clouds“ auf die Leinwand zauberte.
Der Medikamentenmix hatte Hanns aufgeschwemmt. Er sah aus, als hätte jemand in den alten Hanns, schlank und markant, einen Strohhalm gesteckt und ihn aufgepustet, bis er zu platzen drohte.

Ich hätte mich wohl nicht bei ihm gemeldet, wäre ich mir selbst nicht gerade wie ein Außenseiter vorgekommen, ein Stiefkind des Lebens, von jenem vor die Tür geschickt. Bei mir war es nur ein nachhaltig gebrochenes Herz. Und dennoch maßte ich mir an, mich mit ihm verbunden zu fühlen, der als Enddreißiger wieder unter das Dach seiner Eltern hatte kriechen müssen. Und er begrüßte den Kontakt. Verwundert. Freundlich. „Old Hank“, so nannte er sich, wir schrieben, wir mailten, wir telefonierten und schließlich besuchte ich ihn in seiner Räuberhöhle. Darin lag er auf seiner 90cm schmalen Matratze unter der Schräge und blickte auf das lebensgroße Foto seines gesunden Selbst, das zwischen CDs und Anlage im Ansetzen einer Flasche Bier kühl auf ihn herabsah.

Dort hörten wir Musik, tranken mal Wein, mal Bier, mal koffeinfreien Kaffee, er im Schneidersitz auf der Matratze, ich ebenso davor, zwischen uns ein Tischchen, auf dem sich Mineralien zum Einnehmen, Medikamente, Kaffeemilch, Aschenbecher, Blättchen, Tabak und Feuerzeuge tummelten. Wir unterhielten uns. Erzählten unsere Leben, die vergangenen und die aktuellen, sprachen über gebrochene Herzen und enttäuschte Hoffnungen auf Gesundung, Musiker, Gitarren und Gott.
Wir wurden Freunde.
Fuhr ich nach einem Aufenthalt in der alten Heimat nach Hause, klingelte das Telefon und Hanns war dran, um mich dort wieder zu begrüßen. Meine Einsamkeit zu lindern. So wie ich vielleicht seine ein wenig linderte. Er hatte genug Freunde, die sich um ihn kümmerten, ihn besuchten, ihn zu sich holten. Aber er war rausgeworfen aus dem Rouletterad, eine Kugel, die über den Parkettboden gehüpft war und nun in einer Ritze feststeckte. Unwiderruflich beschädigt.

Als ich wusste, dass ich schwanger war, telefonierten wir. Es gab keine tragfähige Liebesbeziehung zu diesem Kind der Zukunft und ich zweifelte, ob ich allein es schaffen würde. Zwei Stunden nach dem Telefonat rief Hanns noch einmal an. Sehr betrunken. Und er sagte: „Du musst das Kind kriegen, Mindelan, du musst!“
Ich nahm ihm das übel. Ich nehme es jedem übel, wenn er mir in meine Entscheidungen hineinredet, selbst wenn er für die richtige Variante votiert und absolut recht hat.
Mein Leben wurde turbulent, ich war sehr beschäftigt damit, die neue Richtung zu bewältigen, mich auf den neuen Gast in meinem Leben vorzubereiten. Die Telefonate wurden weniger, die Besuche seltener.

Das letzte Mal rief er an, als ich in den Wehen lag. Als Geburtsanzeige bekam er eine Mail. Sein Vater, den seine Mutter schon seit ein paar Jahren pflegte, starb kurz vor Weihnachten. Hanns am 10. Januar – Herzversagen, Selbstmord hatte er vehement abgelehnt. Hatten wir noch einmal telefoniert? Ich hatte keine Chance, an der Beerdigung teilzunehmen. Einmal besuchte ich sein Grab und pflanzte ein wildes Veilchen auf das kleine Fleckchen, dass er sich mit seinem Vater teilt. Ich weiß nicht, ob es angewachsen ist.

Wenn ich ihn höre, auf meinen einsamen Autobahnfahrten, frage ich mich, ob ich es so machen darf, wie Hilde Domin es beschreibt: Den Toten wie in einer Tasche mit sich tragen, wo er sich nicht beklagt, wenn man eine Weile nicht an ihn denkt, er, der nicht widerspricht und ganz für uns da ist. Es kommt mir ein bisschen wie Missbrauch vor. Und wie etwas, das nur in meiner Fantasie stattfindet.

Und Hanns war ganz real. Das könnt Ihr mir glauben.

wie Glück

Mein Glück ist ein warmer Fuß, der sich in meine kühle Leiste schmiegt, weich, denn er ist noch klein und ohne harte Haut an der Sohle. Mein Glück ist der Anblick des friedlichen Knabengesichtes im Schlaf – so unbewegt und friedlich, wie es im Wachsein belebt und bewegt ist.

Mein Glück ist eine Ganzkörperumarmung – der Fünfjährige lässt sich hochheben, schlingt Arme und Beine um mich und schmiegt den Kopf in meine Schulter oder seine weiche Wange an die meine. Mein Glück ist die Betrachtung dieses Kindes in einer Situation der Zufriedenheit und des Genusses, allein oder im Zusammenspiel mit anderen. „Alles ist gut“, ist ein Satz, der dieses Glück ausdrückt. Und der helle Stich dieses Glücks ist genauso flüchtig wie eine Kinderumarmung, ein Kuscheln auf dem Schoß, das im Fluss sich umwandelt in eine andere Haltung, ein Hampeln und wieder zurück.
Mein Glück ist auch eine Pause in der Hängematte, gewiegt und einen Moment der Zeit entronnen, ein warmes Gefühl im Bauch. So ist es gut, sagt mein Glück.

Das Empfinden des Glücks sucht den Moment, möchte ihn festhalten und ins Ewige verlängern – das faust’sche Stehenbleiben im Vollkommenen trifft es hier. Das Kind als der beste buddhistische Lehrer zeigt, dass es nicht geht. Auch wenn ich vor dieser Lehre immer wieder gern die Augen verschließe und mit dem digitalen Kescher Glücksbilder einfange.

Im Liebesglück habe ich die Illusion kennen gelernt, Glück wäre verlängerbar, gar dauerhaft. Mit dem Geliebten lebte ich in der gleichen Geschwindigkeit und mein Glück bestand darin, angekommen zu sein. Die logische Folge: Atem anhalten und Pausetaste drücken. Wie jeder ahnt: Es ging nicht gut.
Als ich das Glück zum Inhalt nahm, verlor ich den Kompass für mein Handeln, ersetzte ihn durch einen statischen Wegweiser. Ich lernte Dinge, die ich nie lernen wollte. Und dachte später: Mein Glück wäre vorbei, aufgebraucht, für immer.

Ich habe mich geirrt.

Und wenn der Knabe aus dem Urlaub mit seinem Vater wiederkehren wird, fliegt er die Treppenstufen hinab, lachend, so wie auch ich lachen werde, in meine Arme und in meinem Inneren wird ein ganzer Beutel voller Glück zerplatzen.

Oder wie es die wunderbare Hilde Domin ausgedrückt hat:
„Und das Glück beißt seinen kleinen Zahn in mein Herz.“

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