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wie Vandalen

Als ich eben im Kinderzimmer saß, um meinem frischgebackenen Schulkind bei den Hausaufgaben die Gedanken zu stärken, hätte ich fast geweint. Wir haben nämlich Besuch: meine innig geliebte Freundin K. aus dem Osten und ihre zwei süßen und aufgeweckten Söhne P. (5,5) und M (2,5). Und ich hatte es vergessen. Das Hirn macht das ja immer so mit Traumata und Geschehnissen, die der menschliche Geist nicht verkraften kann.


Ich hatte vergessen, was Kinder unter vier einem Kinderzimmer antun. Ein paar Stunden unter nur oberflächlichler Aufsicht und es ist nicht nur der Teppichboden bedeckt mit allem, was sich in Klein- und Kleinstteilchen zerlegen ließ (bei der Hälfte der Dinge handelte es sich um quasi atomare Spielsachen, die ich bislang für unteilbar gehalten hatte), in allen Ritzen liegen Teile von Teilen. Autositze, Playmobilpistolen, Kanonenkugeln und – nein, ich fange gleich wieder an zu weinen.

Die Entdeckungslust und der Forscherdrang der Kinder ist immens und in dem Alter fehlt ihnen noch die umfassende Regelkenntnis, die Erwachsene in der Regel davon abhält, alle Dinge auseinanderzunehmen, die Einzelteile einer Belastungsprobe auszusetzen, das Innere erforschen zu wollen. Die einzelnen Neins in den sich permanent verzweigenden Neuronen eines Zweijährigen sind noch an einer Hand abzuzählen – zumindest wenn man sich auf die bezieht, die sie gleichzeitig befolgen können. Und darum sind sie erbarmungslos wie die Vandalen, so gründlich wie Wanderheuschrecken und gleichzeitig so wunderbar und niedlich wie kleine Kinder.

Verrückt, dass man das vergessen kann, wenn das eigene Kind grad mal beinahe sieben ist – so lange ist das doch nicht her. Aber es hat sich bei ihm auch nicht so angefühlt. Zumindest nicht bei uns Zuhause. Jetzt, wo ich wieder eine ganz normale Wohnung bewohne, in der nicht alles Zerbrechliche und Kostbare entweder hinter Gittern oder außerhalb von Knabenreckhöhe aufbewahrt wird, erlebe ich jenen Besuch damals von der anderen Seite, wo ich in der Wohnung des jungen Paares völlig unentspannt meinem Kind hinterhergeschnürt bin, überall elektrische Geräte, Steckdosen, scharfe Kanten, Zerbrechliches in meinem Radar aufleuchtend. Unsere Kleinkindwohnung war eine entschärfte Version, wo auch heftigst explorierende Kinder keine Chance hatten. Nun ist das anders.

Und während ich weinen möchte, weil ich die Versuche meiner letzten großen Ordnungsanstrengung wie feinen Sand über den Teppich verteilt sehe, fühle ich mich doch schlecht, weil keines der Kinder auch nur irgend etwas Verkehrtes gemacht hat. Ich bin es, die ihnen die Umgebung so hätte einrichten können, dass sie ihren Spaß haben, ohne dass sich irgendjemand durch ihre wichtige Arbeit (nur Narren denken, dass das Spiel der Kinder nichts Ernsthaftes sei) gestört fühlt.

wie Vertrauen

Neulich im Kindergarten. Ich lungere herum, während mein Sohn sich die Stiefel aus- und die Hausschuhe anzieht. Der kleine B. – mit knallblauen Augen, blondem Schopf und dem vollen Bübchencharme wie für Windelwerbung gemacht – nähert sich krabbelnd der magischen Schwelle zwischen Gruppenraum und Flur. Hält inne, wittert – mal probieren? Er krabbelt rüber und gibt Gas.

Gestern noch hab ich ihm Lachgluckser entlockt, ihm meine Nase in den Bauch gepiekst und dabei üble Knurrgeräusche gemacht, was ihn in Entzücken versetzt hat. Babies – versteh die einer.

Also wag ich’s. Ich schnapp mir das Bürschchen und trag es wieder rein. Jetzt entscheidet es sich: Wird er seine Händchen gegen meine Brust pressen und Alarm schlagen, um der fremden Frau zu entrinnen oder lässt er sich meinen Übergriff gefallen?
Schon bin ich mit ihm im Gruppenraum in der Nähe der Erzieherinnen, um ihn abzugeben, wenn nötig, da breitet er seine Arme aus, umfasst mich, soweit er kann und schmiegt die Seite seines Gesichts an meine Schulter. Und verharrt.
Verharrt.
Verharrt.
Ich spüre den Austausch. Er nimmt sich Nähe und Geborgenheit. Zu mir fließt sein Vertrauen. Tief erfreut schaukele ich im mütterlichen Seemannswiegen hin und her und bin berührt, dass ich in dem Moment so viel für ihn sein darf.

So senken die Babies die Widerhaken in die Herzen derer, die sie für würdig halten. Ob ich es der jetzt Vierzehnjährigen eines Tages mal wieder erzähle, wie schön es war, als sie mit mir in der Hängematte eingeschlafen ist, noch nicht einmal ein Jahr alt?
Es ist das Vertrauen, das mich dann so wehrlos macht, so beglückt, mir schmeichelt und meine Stärke weckt. Ein kleiner Mensch begibt sich in meine Hand und ich werde ihn nicht enttäuschen.

Umgekehrt fühle ich mich in einem Moment, in dem ich mein Vertrauen verschenke, wie ein Kind. Ich weiß nicht, worauf ich es begründe, es ist einfach da, ist mir vorausgeeilt, bevor ich merke, was ich tue und ich kann es nicht mehr zurückholen. Erwachsen schimpfe ich mich dann manchmal, weil ich doch vorsichtiger sein könnte und sehe mein kindliches Selbst so zutraulich, so verletzlich, so naiv. Und das schüttelt dann einfach den Kopf und sagt: “Lass doch. Ich hab schon recht. Wirste sehen, Miesepeter.”

Und denke dann an Menschen, die nicht vertrauen können. In meinem Leben gab und gibt es sie: Menschen, deren Vertrauen ich nicht gewinnen konnte, was auch immer ich getan und gesagt habe. Es hat mich viel Zeit und anderes gekostet, bis ich begriffen habe, dass es nicht an mir liegt. So klar ich inzwischen weiß, dass ich einen solchen Menschen nicht nah an mein Herz lassen darf, so sicher habe ich begriffen, dass Vertrauen ein Geschenk in zweifacher Hinsicht ist.
Der kleine B. vertraut, weil er gelernt hat, dass er Grund dazu hat. Seine Familie gibt ihm Geborgenheit und hört auf seine Klagen, seine Bedürfnisse. Dass er mir sein Vertrauen schenkt, liegt nur ein bisschen an mir, viel mehr an seinen (noch jungen) Erfahrungen. Er kann nichts dafür. Er kann noch nicht einmal anders.
Genausowenig wie ich.

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