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wie Rolläden

Zu Rolläden habe ich ein sehr gespaltenes Verhältnis (ganz im Gegensatz zu Rouladen, die ich ungespalten gern verzehre, zumindest, wenn sie von meiner Mutter zubereitet wurden), was sich auch darin zeigt, dass ich gar nicht sicher bin, wie diese Undinger korrekt in schriftlicher Form daherkommen wollen.

Läden zum Rollen. Herab und herauf. Denke ich an Rolläden, höre ich ein ratschendes, zu einem scharfen Knall ansteigendes Geräusch.
Ich bin auf einem Dorf aufgewachsen, in einem jener Neubaugebiete aus den 60er, 70er Jahren, in denen sich noch jeder Häuslebauer den Traum vom freistehenden Haus erfüllen konnte. So kann man tagsüber dem Nachbarn aus einer bequemen Entfernung auf die Wäsche kucken, was nicht schlimm ist, da das zumindest Sonntags immer Gesprächsstoff liefert. Aber nachts, sobald man im eigenen Haus die Lichter anknipst, wird man selbst zum Gegenstand kritischer Betrachtung. Und so kommt es, dass zu einer bestimmten Zeit, wenn die Lichtverhältnisse außen künstliches Licht innen verlangen, es zu einem kakophonischen Konzert von “Rrrrrraaaaatsch-bonk” – “Rrrrrraaaaatsch-bonk” – “Rrrrrraaaaatsch-bonk” kommt, bis alle Schotten dicht sind.

Innen verbergen Vorhänge, Stores und sonstiges Geraffel die Tatsache, dass man sich gerade optisch eingekerkert hat – der Unterschied zu einem (zumindest später in der Nacht) Fenster, in dem sich das Interieur auf Schwärze spiegelt, ist nicht so groß. Aber von außen …
Von außen, da ist es das Gegenteil von Gefängnis. Nicht das schöne Gegenteil wie Freiheit. Nein. Das schreckliche Gegenteil. Ausgesperrt sein. Nicht dazu gehören. Alle anderen sind drin und haben sich eingemuckelt. Nicht einmal ein kleiner Strahl Licht darf nach draußen dringen, zu Dir, der Du wohl sicher aus gutem Grund nicht selbst eine Höhle sein eigen nennt, die er blickdickt verschließen kann.
Du könntest genauso gut auf dem Mond spazieren gehen, einer leblosen Hülle irgend eines fernen Planeten. Vielleicht bist Du auch der Letzte, der übrig geblieben ist, vielleicht gibt es nicht mal hinter den Rolläden noch Licht und Leben.

Und darum lebe ich in der Stadt. Jedes Mal, wenn ich bei Dunkelheit durch meine Stadt gehe, lächele ich innerlich. Und ich fühle mich, als wäre sie ein wunderbares Weihnachtsschaufenster, voll mit diesen kleinen Häuschen, in denen innen Lämpchen stecken, so dass sie gelbes Licht und Geborgenheit ausstrahlen. Denn hier, in der Stadt, wo die Menschen ohnehin Seite an Seite wohnen, wo Distanz und Abgeschiedenheit nur dadurch möglich ist, dass man sie einander gewährt, bleiben die Fenster unverhüllt. Und im Gegensatz zu jener entvölkerten Mondlandschaft des Dorfes erwachen die Häuser der Stadt erst am Abend zum Leben und strahlen ihre Wohnlichkeit und die Verschiedenheit ihrer Bewohner auf den Passanten, ohne viel mehr preiszugeben, als dass er nicht allein ist.

Und hier in der Stadt kann ich Rolläden sogar dankbar sein, wenn Sie das grelle Sonnenlicht von meinen Augen fern halten, bei der Arbeit, wenn ich Ihnen anders nicht ausweichen kann. Aber sobald die Sonne auch nur ein winziges Stück weiter gewandert ist, ist es aus mit der Freundschaft, ich stehe auf und fahre den Rolladen wieder hoch.