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wie Offenheit

Wir saßen hinter der Jugendherberge. Es wurde allmählich dunkel. Der Unbekannte fragte mich, ob ich mit ihm einen Spaziergang zum Meer machen würde.

Ich fühlte mich wie ein Flipperautomat beim Tilt. In meinem Programm befand sich keine angemessene Reaktion auf dieses Ansinnen. Es sah keine außerhäusigen Aktionen für die Mama vor, keine Risiken und keine Überraschungen.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte, also sagte ich Nein.

Später wiederholte er die Frage. Die Situation hatte sich nicht verbessert, es war dunkler geworden. Dafür hatten die Bedenken bereits ihre Pfosten eingeschlagen. Was, wenn er sich mir nähern würde? Was, wenn er – ganz entgegen meines ersten und zweiten Eindrucks – ein wahnsinniger Gewalttäter wäre? Trotz der sehr unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten machten beide Visionen mir zu schaffen.
Ich sagte erneut Nein.

 

 

Aber während wir uns weiter unterhielten, erinnerte ich mich an eine andere Zeit, in der ich einem solchen Vorschlag ohne Zögern zugestimmt hatte. In der es eine Sünde war, einen Spaziergang zum Meer auszuschlagen. In der ich mich von meiner Neugierde, von meiner Offenheit leiten ließ, anstatt mich an die vermeintlich sicheren, vertrauten Pfade zu halten. In der ich meinem Instinkt bei Menschen vertraute, statt Bedenken aus der Zeitung zu simulieren. In der ich nicht die Verantwortung für einen minderjährigen Sohn hatte.
Pfosten.

In der Zwischenzeit hatte er sich näher zu mir gesetzt. Er strahlte Interesse, Freundlichkeit und Offenheit aus – und Zartheit, was bei seiner männlichen Ausstrahlung schon an sich bemerkenswert war. Als er wieder fragte, sagte ich Ja.

Zu wissen, was man will, ist eine feine Sache. Sich in einem vertrauten Rahmen zu bewegen, hat viele Vorteile. Leider lernt man dann nicht mehr viel Neues kennen. Der Unbekannte und ich wären im Internetkatalog nie aneinandergeraten. Auf Anhieb wüsste ich mindestens 2 Kriterien, die ich abgewählt hätte, umgekehrt genauso.

In der festen Vorstellung liegt die Illusion, wir wüssten bereits, was für uns gut ist. Dabei wissen wir lediglich, wie wir auf das reagieren, was wir bereits kennen.

wie Ordnung

Wenn es eine immerwährende offene Wunde in meinem Leben gibt, dann ist es die Ordnung. Als ich noch zu Hause wohnte, war es anders – da war meine Unordnung der Dorn in der Seite meines Vaters. Um mich mit Verrat an meinen eigenen Nachkommen zu bestrafen, hat er eines Tages dieses Bild aufgenommen.

Es zeigt mein Abiturientenzimmer unter’m Dach – jenes Zimmer, das mir ausgebaut und eingerichtet wurde, nachdem ich VERSPROCHEN hatte, es immer in Ordnung zu halten. Naja. Ja, ich fühle mich schlecht, weil dieses Versprechen von Anfang an dazu verurteilt war, gebrochen zu werden. Wieviele Leute lassen sich scheiden, nachdem sie versprochen haben, den anderen immer zu lieben und so weiter?

Fakt ist, dass ich in mir zwei sehr entgegengesetzte Strömungen zum Thema Ordnung beherberge. Wie es um die eine bestellt ist, sieht man auf den ersten Blick, wenn man meine Wohnung betritt. Menschen, die sich bei mir unbeliebt machen möchten, können das ohne großen Aufwand direkt abhaken, indem sie Sätze sagen wie: “Ach, seit deinem Einzug hat sich aber nicht viel getan.” oder “Ein schöner Balkon. Man müsste ihn nur mal aufräumen”.

Ich hasse sie besonders dafür, weil ich mir im vergeblichen Kampf gegen die Entropie richtig viel Mühe gebe, seit ich ein Kind habe. Immerhin gelingt es mir, die Räume der gemeinsamen Nutzung auf einem Level zu halten, der selbst Außenstehenden als annehmbar erscheint. Arbeite ich viel, sieht man das an den sich auftürmenden Bergen in meinem Zimmer. Dies ist das letzte Refugium, in dem das Chaos regelmäßig seine Muskeln spielen lässt.

(Nein, wir reden jetzt NICHT über Kinderzimmer.

Den Widerspruch zwischen einem hingerissen in das Spielfeld von gestern eintauchenden Kind und dem quasi pürierten Zustand, in den ein Kinderzimmer nach drei Tagen nicht Aufräumen eingeht, habe ich noch nicht gelöst und würde mich nicht wundern, wenn da auch größere Geister scheitern würden.)

Im Moment sieht es in meinem Zimmer so aus, dass ich an jenen Kleiderstuhl in einer ehemaligen Wohnung denken muss, von dem der Berg an gebrauchten, aber noch nicht waschreifen Kleidern sich immer mal wieder aufgemacht hat, sich in den Flur vorzutasten. Dabei wirkte er, als würde er die Übernahme der Wohnung vorbereiten.

Die andere Seite sieht man, wenn man sich die Mühe macht, einen genaueren Blick zum Beispiel in meine Bücherregale zu werfen. Genau: Nach Genre und alphabetisch sortiert. Die CDs: Alphabetisch sortiert. Die Oberbekleidung: Saubere Stapel in ärmellos, kurzärmelig und langärmelig sortiert. Die Töpfe haben ihren festen Stapelplatz. Anders passen sie nicht ins Regal.

Und DAS erklär mir mal bitte einer.

Interessanterweise hat gerade die Person, von der die oben genannten despektierlichen Äußerungen stammen, mir einmal verraten, dass bei ihr die Unordnung IN den Schränken stattfindet. Bei mir ist sie außerhalb. Dem Auge sichtbar, während die Ordnung unsichtbar ist – wie zum Beispiel auch im Verzeichnis meines Computers.

Sicher hat die Fähigkeit, Ordnung zu halten, etwas mit Gewohnheit, Selbstdisziplin und der Einstufung des Aufräumens in der Prioritätenliste mit anderen Tätigkeiten zu tun. Aber möglicherweise sagt sie auch etwas darüber aus, wie wir mit den Dingen – oder Erlebnissen, oder Gefühlen – umgehen, die wir noch nicht eingeordnet haben. Wer mich kennt und meine Wohnung betritt, weiß ungefähr, wie es mir gerade geht.
Ob es mir damit jetzt nun besser geht, als wenn ich es einfach mal ordentlich hätte?