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wie Irrtümer

Irrtümer sollte man – wie alles andere auch – mit leichter Hand begehen.

An einem heißen Tag dieses wunderbar sommerlichen Sommers stülpte ich die Innereien meines Kleiderschrankes nach außen.
Wie es bei Frauen meines Alters eine typische physiologische Entwicklung zu sein scheint, habe ich mich allmählich von der Figur einer ausgehungerten Gazelle entfernt und bin bei der freundlichen Statur eines Zebras angekommen.
Soweit kein Grund zur Klage. Allerdings hat mein Körper diese Entwicklung in Stufen und ohne klare Zielvorgabe nach einem undurchsichtigen Zeitplan durchgeführt. Letzten Sommer befand ich mich in etwa auf Höhe eines Teenager-Zebras, ohne jedoch über die Vorläufigkeit dieses Standes informiert worden zu sein. Und ich kaufte mir ein wunderbares rotes, fröhlich geblümtes Wickelsommerkleid. Ich war allein im Geschäft und fand es toll.

Zu Hause fand ich es auch noch toll. Aber als ich zum ersten Mal versuchte, damit auszugehen, stellte ich fest, dass dieses Kleid großzügigere Einblicke bot, als ich zu bieten gewillt war. Nichts von dem, was ich hervorkramte, um das zu verhindern, passte. Entweder hatte es die falsche Farbe oder einen asynchronen Ausschnitt oder es war doch noch zu offenherzig. Zudem sah im heimatlichen Spiegel mein Bauch unter der Einschnürung der Wickeltechnik schwanger aus. Was natürlich das genaue Gegenteil des erhofften Effekts war. Möglicherweise trug ich das Kleid letztes Jahr einmal – und fühlte mich unbehaglich.

Vor wenigen Tagen lachte es mich dennoch an (das Gedächtnis ist ja ein faules Ding). Die fröhlichen Farben, der feminine, an leichtfüßige Französinnen gemahnende Schnitt erweckten die Sehnsucht, mich selbst darin zu sehen. Diese wurde schnell gestillt. Noch schwangerer wollte ich nicht aussehen.

Das Kleid liegt nun auf dem Stapel aussortierter Kleidung. Selbst wenn eine Verkettung verschlankender Umstände mich wieder annähernd in Passform bringen würde, habe ich begriffen, dass mir die Voraussetzungen für dieses Kleid grundlegend abgehen.
Ich bin nun mit einer Freundin einkaufen gegangen und habe mir unter ihren scharfen Augen eine neue, zu meinem Stil und meinem Körper passende Sommergarderobe zugelegt.

Das Schlimme an einem Irrtum ist, dass es immer ein bisschen wirkt, als hätten wir ihn verhindern können, mit nur einem Quentchen mehr klarer Selbsteinschätzung.

Jacques Diderot sagt in “Jakob und sein Herr” sinngemäß: “Werter Leser, wenn Du mir schon nicht dankbar für die Geschichten bist, die ich Dir erzähle, dann sei mir wenigstens dankbar für die Geschichten, die ich Dir erspare.”

Wie viele Entscheidungen treffen wir täglich? Wieviele wirklich wichtige Gabelungen unserer Lebensweges bewältigen wir in einem Jahr? Und wie viele davon bereuen wir? Wie viele vergessen wir sofort, nachdem wir sie hinter uns haben, weil sie gut waren, richtig, zu uns passen? Wir merken uns in der Regel nur die, wo wir uns verschätzt haben, deren Folgen uns unangenehm sind.

Und an denen will ich es üben, mir selbst zu verzeihen. Ich fange an mit dem Sommerkleid. Irgendwo muss man ja anfangen.