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wie Glück

Mein Glück ist ein warmer Fuß, der sich in meine kühle Leiste schmiegt, weich, denn er ist noch klein und ohne harte Haut an der Sohle. Mein Glück ist der Anblick des friedlichen Knabengesichtes im Schlaf – so unbewegt und friedlich, wie es im Wachsein belebt und bewegt ist.

Mein Glück ist eine Ganzkörperumarmung – der Fünfjährige lässt sich hochheben, schlingt Arme und Beine um mich und schmiegt den Kopf in meine Schulter oder seine weiche Wange an die meine. Mein Glück ist die Betrachtung dieses Kindes in einer Situation der Zufriedenheit und des Genusses, allein oder im Zusammenspiel mit anderen. „Alles ist gut“, ist ein Satz, der dieses Glück ausdrückt. Und der helle Stich dieses Glücks ist genauso flüchtig wie eine Kinderumarmung, ein Kuscheln auf dem Schoß, das im Fluss sich umwandelt in eine andere Haltung, ein Hampeln und wieder zurück.
Mein Glück ist auch eine Pause in der Hängematte, gewiegt und einen Moment der Zeit entronnen, ein warmes Gefühl im Bauch. So ist es gut, sagt mein Glück.

Das Empfinden des Glücks sucht den Moment, möchte ihn festhalten und ins Ewige verlängern – das faust’sche Stehenbleiben im Vollkommenen trifft es hier. Das Kind als der beste buddhistische Lehrer zeigt, dass es nicht geht. Auch wenn ich vor dieser Lehre immer wieder gern die Augen verschließe und mit dem digitalen Kescher Glücksbilder einfange.

Im Liebesglück habe ich die Illusion kennen gelernt, Glück wäre verlängerbar, gar dauerhaft. Mit dem Geliebten lebte ich in der gleichen Geschwindigkeit und mein Glück bestand darin, angekommen zu sein. Die logische Folge: Atem anhalten und Pausetaste drücken. Wie jeder ahnt: Es ging nicht gut.
Als ich das Glück zum Inhalt nahm, verlor ich den Kompass für mein Handeln, ersetzte ihn durch einen statischen Wegweiser. Ich lernte Dinge, die ich nie lernen wollte. Und dachte später: Mein Glück wäre vorbei, aufgebraucht, für immer.

Ich habe mich geirrt.

Und wenn der Knabe aus dem Urlaub mit seinem Vater wiederkehren wird, fliegt er die Treppenstufen hinab, lachend, so wie auch ich lachen werde, in meine Arme und in meinem Inneren wird ein ganzer Beutel voller Glück zerplatzen.

Oder wie es die wunderbare Hilde Domin ausgedrückt hat:
„Und das Glück beißt seinen kleinen Zahn in mein Herz.“

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