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wie Erfolg

Erfolg ist doch was Feines. Versuch macht kluch und wenn’s gelingt, hat man Erfolg. Wie zum Beispiel die nicht riechende Nachbarin, die unter mir wohnt. Die hat Erfolg. Sie ist irgendwas beim Fernsehen des großen Regionalsenders und ganz viel unterwegs. 70-Stunden-Wochen. Das ist doch ein Zeichen von Erfolg, oder? Arbeiten bis zur Erschöpfung?

Das führt dann auch mal dazu, dass so jemand Samstag morgen um acht oder halb neun im Nickischlafanzug fast weinend vor der Tür der Nachbarin oben drüber steht und von dieser verlangt, sie müsse ihre Zimmer umräumen. Denn wenn jemand 70 Stunden in der Woche arbeitet, dann geht das überhaupt nicht, das am Wochenende das Trappeln eines Kindes um halb acht morgens schon die dringend notwendige Ruhe rüde abbricht.

Das folgende Gespräch wurde unerfreulich. Es fielen Aussagen des Inhaltes, dass sie die Wohnung mit Absicht in einem Haus mit vielen alten Leuten gekauft hatte (was nicht für ihre Weitsicht spricht) und dass sie sich ja nun mit Absicht keine Kinder zugelegt hätte und es ihr ohnehin reiche, wenn sie in der Woche bei der Fernsehproduktion die ganze Zeit mit Kindern arbeiten müsse.

Nein. Ich habe nicht gefragt, wie das Endergebnis im Fernsehen heißt. Ich wollte es nicht wissen. Ich habe tatsächlich sogar eine Weile gebraucht, um mein schlechtes Gewissen zu vaporisieren. Es ist erlaubt, ein Kind zu halten. Es ist auch erlaubt, sich bereits um halb acht in der gemieteten Wohnung zu bewegen.

Aber das ist es, was ich mit dem Begriff “Erfolg” verbinde: Erfolgsorientheit bis hin zu einer Anspruchshaltung, die von der Umgebung verlangt, sich den eigenen Vorstellungen ohne langes Zucken anzupassen.

Ich habe ein Versöhnungsgespräch versucht und die junge Frau auf meinen Balkon eingeladen. Vergeblich bot ich ihr etwas zu trinken an. Dieses mochte sie nicht, jenes vertrug sie nicht. Inzwischen war ihr auch klar geworden, dass noch nicht einmal sie es den Menschen in der Wohnung über ihr verbieten konnte, zu LEBEN. Sie gab sich also mit meinem Versprechen zufrieden, dass ich Teppiche besorgen würde.

Und das war es. Jeden Tag gehe ich einige Male an ihrer Tür vorbei. Davor liegt eine Borsten lassende Fußmatte, auf der “Heimat” steht. Oft ruht eine Zeitschrift, die ein freundlicher Nachbar mit nach oben genommen hat, mehrere Tage dort. An der Tür klebt ein Türschild, das garantiert aus Fimo ist, garantiert nicht von ihr selbst verfertigt, in seiner niedlichen Fimo-Drolligkeit aber nichts Gutes über ihren Geschmack verrät. Darauf steht “Stressfreie Zone von *ihren Namen will ich hier natürlich nicht verraten*”.

Ich sollte mein negatives Verhältnis zum Begriff “Erfolg” noch einmal überdenken. Denn das kann es nicht sein. Und wenn es mit dem Erfolg wäre, wie Tucholsky es mit dem Geld festgestellt hat: Dass es nur zu dem kommt, der es SEHR lieb hat?