Archiv für anettes13

wie Freiheit

Während ich an einem lauen Sommerabend auf meinem Balkon sitze, kreisen am Himmel die Mauersegler. Es ist eine ganze Gesellschaft, bestimmt bis zu dreißig Tiere, die da mal weit verstreut ihre Kreise ziehen und mal alle auf einmal durcheinander fliegen, ihr hohes “Srii srii” wie eine rätselhafte Warnung. Fliegen sie hoch und wenden scharf nach Osten, bekommen sie von der Abendsonne einen roten Bauch verpasst. Segelnd und flatternd in weiten Schwüngen und Hakenschlägen tanzen sie virtuos in der Luft. Manche fliegen so weit nach oben, dass sie als schwarzer Punkt im Blau verschwinden.

Ihr Schweben, ihr Segeln, ihr einzeln Sein und die spontanen Versammlungen, Kreisen ohne Mühe, all das scheint mir wie der Inbegriff von Freiheit. In der Luft leben, schlafen, lieben. Voller Kraft und ohne Gewicht.

Wie platt erscheint mir da mein Popo, den mein Gewicht auf den Stuhl drückt. Ein Gewicht, dass ich mühevoll und schlenkernd im Lauf heben kann, oder dröhnend, ohne eigenes Verdienst und ohne Eleganz auf dem Sitz eines Flugzeuges. Festgenagelt auf der Erde bin ich – nur manchmal, wenn ich mich platt auf den Rücken lege und in den unverdeckten Himmel blicke, dreht sich meine Welt und ich hänge über dem weiten All, über den Wolken, den Sternen, dem Nichts, zum Glück von der Gravitation an diese Kugel geheftet – fast fühle ich, wie ich in die Leere falle.

Und sollte ich dort einem Mauersegler begegnen, so hoffe ich, dass er mich zur rettenden Erde zurückstoßen wird, so wie ich ihn in die Luft werfe, falls ich ihn am Boden finde.

wie Erfolg

Erfolg ist doch was Feines. Versuch macht kluch und wenn’s gelingt, hat man Erfolg. Wie zum Beispiel die nicht riechende Nachbarin, die unter mir wohnt. Die hat Erfolg. Sie ist irgendwas beim Fernsehen des großen Regionalsenders und ganz viel unterwegs. 70-Stunden-Wochen. Das ist doch ein Zeichen von Erfolg, oder? Arbeiten bis zur Erschöpfung?

Das führt dann auch mal dazu, dass so jemand Samstag morgen um acht oder halb neun im Nickischlafanzug fast weinend vor der Tür der Nachbarin oben drüber steht und von dieser verlangt, sie müsse ihre Zimmer umräumen. Denn wenn jemand 70 Stunden in der Woche arbeitet, dann geht das überhaupt nicht, das am Wochenende das Trappeln eines Kindes um halb acht morgens schon die dringend notwendige Ruhe rüde abbricht.

Das folgende Gespräch wurde unerfreulich. Es fielen Aussagen des Inhaltes, dass sie die Wohnung mit Absicht in einem Haus mit vielen alten Leuten gekauft hatte (was nicht für ihre Weitsicht spricht) und dass sie sich ja nun mit Absicht keine Kinder zugelegt hätte und es ihr ohnehin reiche, wenn sie in der Woche bei der Fernsehproduktion die ganze Zeit mit Kindern arbeiten müsse.

Nein. Ich habe nicht gefragt, wie das Endergebnis im Fernsehen heißt. Ich wollte es nicht wissen. Ich habe tatsächlich sogar eine Weile gebraucht, um mein schlechtes Gewissen zu vaporisieren. Es ist erlaubt, ein Kind zu halten. Es ist auch erlaubt, sich bereits um halb acht in der gemieteten Wohnung zu bewegen.

Aber das ist es, was ich mit dem Begriff “Erfolg” verbinde: Erfolgsorientheit bis hin zu einer Anspruchshaltung, die von der Umgebung verlangt, sich den eigenen Vorstellungen ohne langes Zucken anzupassen.

Ich habe ein Versöhnungsgespräch versucht und die junge Frau auf meinen Balkon eingeladen. Vergeblich bot ich ihr etwas zu trinken an. Dieses mochte sie nicht, jenes vertrug sie nicht. Inzwischen war ihr auch klar geworden, dass noch nicht einmal sie es den Menschen in der Wohnung über ihr verbieten konnte, zu LEBEN. Sie gab sich also mit meinem Versprechen zufrieden, dass ich Teppiche besorgen würde.

Und das war es. Jeden Tag gehe ich einige Male an ihrer Tür vorbei. Davor liegt eine Borsten lassende Fußmatte, auf der “Heimat” steht. Oft ruht eine Zeitschrift, die ein freundlicher Nachbar mit nach oben genommen hat, mehrere Tage dort. An der Tür klebt ein Türschild, das garantiert aus Fimo ist, garantiert nicht von ihr selbst verfertigt, in seiner niedlichen Fimo-Drolligkeit aber nichts Gutes über ihren Geschmack verrät. Darauf steht “Stressfreie Zone von *ihren Namen will ich hier natürlich nicht verraten*”.

Ich sollte mein negatives Verhältnis zum Begriff “Erfolg” noch einmal überdenken. Denn das kann es nicht sein. Und wenn es mit dem Erfolg wäre, wie Tucholsky es mit dem Geld festgestellt hat: Dass es nur zu dem kommt, der es SEHR lieb hat?

wie Düfte

Nachdem ich das erste Mal selbst Erdbeermarmelade gemacht habe, dachte ich, die wichtigste Erkenntnis sei, wie EINFACH das ist. So als hätten sich alle marmeladenerfahrenen Hausfrauen der Welt verschworen, dies als einen höchst komplexen und irre arbeitsaufwendigen Prozess darzustellen.

Aber langfristig war ein anderes Erlebnis daraus wichtiger: Wer wissen möchte, wie die Essenz, das Ideal einer Erdbeere ist, wie sie sich selbst in ihren kühnsten Träumen sieht, der muss nur seine Nase über einen Topf mit blubbernd kochender Erdbeermarmelade halten und tief einatmen. Es ist, als dränge der Duft ins Ich ein und fülle die Stirnlappen des Hirnes mit seiner ungeheuren aromatischen Süße komplett aus. Und dann will man gar nichts mehr, als in diesem Moment verweilen. Kein Geschmack dieser Welt reicht da heran.

“So riecht der Himmel” heißt ein wunderschönes Liebeslied. Ich weiß genau: Wenn ich einen Mann finden würde, der so riecht wie Erdbeermarmelade … Ach, das wäre gar nicht gut, von dem könnte ich meine Nase nicht lösen.

Oder ist es mit den Düften wie mit dem Geschmack: Zuviel wird’s widerlich?
Und natürlich soll ein Mann riechen wie ein MANN. Und Erdbeermarmelade wie ERDBEERMARMELADE. Schön wäre aber doch, wenn Hundekacke wie ROSE riechen würde und drei Tage alter Müll wie FLIEDER. Aber dann würde ja keiner den gebührenden Abstand halten.

Bei mir im Haus riecht es im Flur nach den unterschiedlichsten Dingen. Erdgeschoss: kalter Zigarettenrauch und alter Mann. 1. Stock: alte Leute und manchmal Katzenklo. 2. Stock: alte Leute und – nein, die vielbeschäftigte kite-surfende Mediendame um die 30 riecht nicht. Die hört nur unheimlich gut – wenn es sich um Bewegungsgeräusche meines 5-jährigen handelt, zum Beispiel. Ist zum Glück aber nur selten da. Wie es bei uns riecht, weiß ich nicht, denn das ist noch eine Eigenart von Düften: Dass die Nase blind gegenüber ihnen wird. Also wissen die alten Leute auch gar nicht, dass sie und ihre ganzen Wohnungen nach alten Leuten riechen. Nur die weißhaarige Lady ganz oben, die riecht wie eine frische Brise. Wie macht die das nur?
Und nett ist sie auch noch. Ich würde ihr sicher mal was vom Wochenmarkt mitbringen. Morgen gehe ich wieder. Erdbeeren kaufen.

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wie Chili

Eigentlich sollte ich jetzt gerade lernen, wie man Salsa tanzt. Genau. Der Tanz, der heißt wie Soße. Und damit die Kunden noch verwirrter werden – oder ihr Appetit noch angeregter – nennt sich der Veranstalter “Chili und Salsa”. Aber selbst scharfes Essen hat die Kursleiterin offenbar nicht davon abgehalten, krank zu werden und mir so zu verwehren, mich mal wieder scharf zu fühlen. Denn das meinen die doch, oder? Hot. Salsa ist ein erotischer Tanz und das hat mich gereizt: Mich erotisch fühlen. Mit jemand anderem zusammen Erotik andeuten. Heiß sein. Nicht nur schwitzen, sondern auch schnurren. Mit dem Becken.

Klar geht das.

Statt dessen bleibe ich zu Hause und widme mich meiner Eigenbrötelei. Sehr unsexy.

Wobei noch nicht geklärt ist, ob ich nicht lieber einen Tanz tanzen würde, der von einem Verein angeboten wird, der sich Wasabi und *setzen Sie hier den Namen des Wunschtanzes ein* nennt. Denn – Hand auf’s Herz – wenn mir jemand die Wahl ließe zwischen Chili und Wasabi würde ich mich eindeutig für die hellgrüne Paste entscheiden.

Esse ich Chili und habe mich in der Dosierung vertan, geht es mir nämlich sehr schlecht. Auf unabsehbare Zeit brennt der gesamte Innenraum meines Mundes, ich bin schweißgebadet, purpurrot im Gesicht und – Special for me: Das Innere meiner Ohren juckt. Nichts hilft. Nur leiden und warten.
Verhaue ich mich hingegen in der Dosierung von Wasabi, ist der Effekt ganz anders: Als würde in meinem Kopf eine kleine gedämpfte Explosion stattfinden – knapp über der Nasenwurzel bis hin zum Schädel. FUMP! Und das war’s dann.

Erotisch gesehen würde ich allerdings doch den Effekt von Chili bevorzugen. Also warte ich geduldig auf den Ersatztermin. Und der kommt hoffentlich eher als das nächste Album der Red Hot Chili Peppers.

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wie Balkon

Jahrelang habe ich ohne einen Balkon mitten in der Stadt gelebt. Er hat mir noch nicht einmal gefehlt. Aufgewachsen bin ich mit einem Garten im Nirgendwo auf dem Land. Das Irgendwo, die Zugänglichkeit von so vielen Möglichkeiten, die ich mit der Stadt gefunden habe, war so viel wichtiger als die eine Möglichkeit: Einen privaten Flecken “Draußen” zu haben. Und noch immer könnte man mich damit davonjagen: Vorort oder Dorf – wie wunderschön, die Kinder können direkt in den Garten. Und dann? Gibt es wenigstens einen BUS? Wie oft fährt der? Wie lange braucht er bis zur ZIVILISATION?

Aber dann kam die Frischluft doch wieder in mein Leben. Zuerst in Form einer Dachterrasse.

Ich konnte mein Glück nicht fassen, denn sie war wie das Deck eines Schiffes. Über mir nur der Himmel, ganz für mich allein. Eine ungekannte Freiheit erfasst den, der von seinem Dach auf die anderen Dächer blickt, selbst kaum gesehen wird. Dort lag ich an lauen Sommerabenden auf den Planken, zählte die Wolken und die Mauersegler jagten sausend mit ihren schrillen Schreien knapp über mir hinweg. Leider habe ich niemanden gefunden, der bereit gewesen wäre, dort im Dunkeln, in aller Heimlichkeit und unter freiem Himmel Liebe zu machen.

Und jetzt gibt es den Balkon. Er ist besonders. Kein blöder Kasten, der auf eine heiße und laute Straße hinausgeht. Keine Nische in einem lichtlosen Innenhof, in dem der Efeu die Feuchtigkeit des ewigen Schattens mühelos hält. Nein. Ein Balkon zum Süden, den eine riesige Birke beschattet und dieses Glück hätte ich mir nicht träumen lassen: Ich sitze wie im Wald. Blicke in die Blätter, die mit ihrer Bewegung sogar Tucholsky bewegt haben. Sehe die Meisen hüpfen und flattern. Bekomme Besuch vom Grünling. Zähle die Marienkäfer in meinen Kräutern. Und höre immerfort das leise Rauschen der Blätter. Wunderbar. Balkon.

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wie Anfang

Anfänglich hatte ich die Idee, diesen Blog um alphabetische Stichworte herum aufzubauen. Ein Gerüst, eine Hilfe, durch die meine Gedanken und Beobachtungen eingereiht werden können wie in einen Setzkasten. Aber aller Anfang ist schwer. Und wenn ich es nun verkehrt anfange? Wann werde ich es merken, werde ich dann noch den Mumm besitzen, wieder zurückzukehren? “Alles auf Anfang” und noch einmal zu starten? Der Anfang legt so vieles schon fest.

Ich liebe die Metapher von Hannah Arendt, die den Menschen als einen Faden begreift, der sich selbst in das Gewebe der Gesellschaft schlägt. Schon ganz am Anfang ist die Farbe und die Textur gegeben – auch wenn sie sich möglicherweise ändern mag, aber so sehr wandelbar sind wir doch nicht. Und dann sehe ich einen schillernd bunten Teppich vor mir, in dem sich die einzelnen Fasern nach vorn durchkämpfen – zu keinem anderen Ziel als ihrem eigenen Ende, das jedoch durch den Anfang eines neuen Fadens daran gehindert wird, einen Bruch in der Textur zu verursachen.
So ist heute ein Anfang gemacht. Verfolgen wir den Verlauf gespannt bis zum Ende.

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