Archiv für anettes13

wie Wetter

Es gewittert. Nach Tagen steigender Hitze bricht nun der Himmel über uns herein, ohne Ankündigung. Eben noch war es mörderisch heiß, dann tröpfelte es leicht und nun tobt es. An allen Balkonen und Fenstern stehen die Menschen, betrachten das Herabfallen des Regens, das Schwanken der Äste wie ein Schauspiel – und das ist es, würdig, erlebt zu werden. Ersehnter Regen, die Tropfen peitschen die Blumen und Kräuter auf meinem Balkon, erschreckt und beglückt geben Sie etwas von ihrem Duft ab und so besuchen mich Lavendel und Koriander, während ich auf dem Stuhl mit dem nassgeregneten Kissen sitze und tief befriedigt dem lärmenden Rauschen des Wassers lausche. Wie ein Peitschenknall zuckt da im abnehmenden Tröpfeln noch ein verirrter Blitz, erschreckt mich maßlos.

Gestern, vorgestern, der Tag davor – ich gewöhne mich an meinen schweißnassen Körper, vermeide den Blick in spiegelnde Flächen, weil ich mein quietschrotes Gesicht nicht sehen möchte. Umarmungen werden nur noch mit wirklich sympathischen Menschen ausgetauscht, aber am liebsten würde ich die ganze Zeit nackt in der verschatteten Hängematte liegen, während alle halbe Stunde jemand vorbeischaut, der mich mit Wasser begießt. Mein Kopf ist mit einer gallertähnlichen Masse gefüllt, in der jeder Gedanke sich mühselig vorankämpft, hinter sich her Schlieren ziehend, die das Ganze auch noch eintrüben. Heute morgen bin ich aufgewacht – reglos, unbekleidet, ohne Laken und habe vom bloßen Atmen geschwitzt.

Endlich fühlt sich die Luft, die von draußen herein kommt, wieder kühler an, als die Raumtemperatur (die immer noch bei 29 Grad liegt). Vielleicht zeichnet das den Nordeuropäer aus: Was mich an Hitze wirklich stört ist, dass ich ihr nicht entkommen kann, außer ich kühle meinen Körper in irgendeiner Form im Wasser ab. Der Kälte kann ich mich mit Kleidung erwehren, in meine geheizte Wohnung fliehen, ihr kann ich mittels Zivilisation die Grenzen zeigen. Gegenüber der Hitze aber ist die Zivilisation hilflos, sie lässt sich buchstäblich durch sie aufweichen, schmelzen, macht dem Körperlichen und seinen Grenzen Raum. Und irgendwie ist genau das das Schöne am Sommer.

wie Ziel

Bei einem Blog, in dem Begriffe von A bis Z Anlass für kleinere Texte sind, ist das Z das Ziel.
Erreicht.
Und nun?

Ziel war es ja nicht, das Z zu erreichen – naja, gewissermaßen schon, denn immerhin hieß das ja zunächst, eine gewisse Anzahl von Texten einem gewissen Prinzip folgend zustande zu bringen. Ziel war es vielmehr, diese Texte zu schreiben, wobei der Weg ja nun mal – naja, eben der Weg zum Ziel war.
Und wie das immer so ist: Am Ziel stehend stellt man fest, dass man das Ziel gar nicht so richtig genießen kann, denn mit einem Mal hat man die Perspektive verloren, die einen so lange in Bewegung gehalten hat. Und Stehenbleiben bzw. nicht weiterschreiben, das war nun ganz sicher nicht mein Wunsch. Das Ziel ist nur so lange interessant, wie es noch entfernt ist.

Also habe ich beschlossen, das zu tun, was ich bei einem schönen Spaziergang machen würde, wenn ich ein gesetztes Ziel erreicht habe. Nach einer kleinen Pause (Essen, Trinken, Genießen) gehe ich den Weg zurück. Noch einmal – und wiederum nicht noch einmal, denn schließlich sehe ich ihn und alles um ihn herum ja nun von der anderen Seite.

Weg

Wir sehen uns beim X, Y oder W …

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wie Zuhause

“Home is where the heart is.”

Zumindest ist ein Zuhause in meinem Leben kein fester Ort mehr, nichts Gesetztes, Unveränderliches, Unhinterfragbares. Aus meinem Elternhaus ausgezogen, habe ich insgesamt fünf Wohnungen in Köln bewohnt. Weder das Herkunftsdorf noch die Wahlstadt ist wirklich meine Heimat, der ich mich von ganzem Herzen zugehörig fühle, auf der anderen Seite ist es auch keine davon nicht.

So haben auch die Wohnungen, die ich mir eingerichtet habe, für mich inzwischen nichts Gesetztes mehr. Schließlich habe ich sie gesehen, bevor sie mein Zuhause wurde und habe auch vier davon wieder meiner Gegenstände entkleidet und sie als neutralen Ort zurückgelassen, damit sie für jemand anderen das Zuhause werden können.

Umzug

Doch von Wohnung zu Wohnung habe ich im Einrichten und wohnlich Machen dazu gelernt und in der aktuellen Wohnung stehe ich nun manchmal, zum Beispiel im Wohnzimmer und denke: “Mensch, das sieht ja aus wie das Zuhause von jemandem!”

Gestern habe ich in der Küche das Probierpäckchen Samba ins Regal geräumt und dachte daran, wie mein Sohn es zum Frühstück selbst von dort heruntergeholt hatte. Es ist für mich ein immer noch verwunderliches Phänomen, dass er sich inzwischen in der Wohnung auskennt. Die Phase, in der er mich immer als Ansprechpartner benutzt hat, der ihm diverse Dinge verschafft, die er haben möchte, zumindest außerhalb des Kinderzimmers, geht ihrem Ende zu. Er beobachtet, er merkt sich und er agiert selbsttätig, holt etwas, schiebt sich einen Hocker heran, wenn es nicht geht, manchmal, wenn er nicht gut drankommt, ruft er mich zu einer geöffneten Tür, hat es aber vorher schon versucht.

Und als ich so das Samba ins Regal räumte, wehte mich wieder diese ehrfurchtgebietende Erkenntnis an: Das, was aus meinen Versuchen entstanden ist, eine Ordnung zu schaffen, Räume einzurichten, Dinge zu verstauen, alles in einer Variation von vielen Möglichkeiten anzuordnen ist für ihn etwas anderes.
Die Dinge sind da, wo sie hingehören. Mein soundsovielter Anordnungsversuch ist für meinen Sohn ebenso gesetzt und naturgegeben, wie es für mich die Dinge in der Wohnung meiner Eltern war. Sie war ja da, bevor ich da war und ebenso hat es sich mit der Ordnung verhalten, in die ich hineingeboren bin.
Und genau so ist es mit der Stadt, die ich gewählt habe, mit dem Viertel, in das er hineingeboren wurde. Puh. Es weht mich an, es ist ein leichter Hauch von Ewigkeit, denn ich erkenne in diesen Dingen, die ich mehr oder minder zufällig ausgewählt habe, das “Wie es nun mal ist” eines anderen Menschen.

Und bis mein Sohn sich auf macht, um die Welt zu erobern, ist diese Wohnung, diese Stadt, dieses Viertel sein Zuhause – gesetzt, unhinterfragt, nicht anders denkbar.

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wie Wiedersehen

Heute morgen ein schönes Frühstück auf der Terrasse mit meinem Sohn und der Freundin seines Vaters. Später bringe ich beide in den strahlenden Sonnenschein hinaus, im aufgeheizten Auto durch die Katakomben unter dem Herzen Kölns hindurch über einen staubigen Parkplatz zum Hauptbahnhof.
Unter unzähligen Kinderzeitschriften wird mühevoll eine ausgewählt, dann geht es zum Gleis 2. Kaum ist Abschnitt C erreicht, fährt auch schon der ICE nach Berlin ein. Die beiden steigen ein, ich verfolgen ihren Weg durch die abgedunkelte Scheibe, Küsse fliegen hin und her, dann macht sich der Junge noch mal auf den Weg zur Tür, wir begegnen uns, nehmen einander in den Arm, drücken fest. Noch einmal.
“Soll ich schon gehen?”, frage ich.
Er nickt, wir lösen uns, wenden uns voneinander.
Mit einem scharfen Schmerz bleibt mein Herz stehen. Hält die Luft an, drückt die Daumen und wird erst wieder schlagen, wenn wir uns wiedersehen.

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wie Vertrauen

Neulich im Kindergarten. Ich lungere herum, während mein Sohn sich die Stiefel aus- und die Hausschuhe anzieht. Der kleine B. – mit knallblauen Augen, blondem Schopf und dem vollen Bübchencharme wie für Windelwerbung gemacht – nähert sich krabbelnd der magischen Schwelle zwischen Gruppenraum und Flur. Hält inne, wittert – mal probieren? Er krabbelt rüber und gibt Gas.

Gestern noch hab ich ihm Lachgluckser entlockt, ihm meine Nase in den Bauch gepiekst und dabei üble Knurrgeräusche gemacht, was ihn in Entzücken versetzt hat. Babies – versteh die einer.

Also wag ich’s. Ich schnapp mir das Bürschchen und trag es wieder rein. Jetzt entscheidet es sich: Wird er seine Händchen gegen meine Brust pressen und Alarm schlagen, um der fremden Frau zu entrinnen oder lässt er sich meinen Übergriff gefallen?
Schon bin ich mit ihm im Gruppenraum in der Nähe der Erzieherinnen, um ihn abzugeben, wenn nötig, da breitet er seine Arme aus, umfasst mich, soweit er kann und schmiegt die Seite seines Gesichts an meine Schulter. Und verharrt.
Verharrt.
Verharrt.
Ich spüre den Austausch. Er nimmt sich Nähe und Geborgenheit. Zu mir fließt sein Vertrauen. Tief erfreut schaukele ich im mütterlichen Seemannswiegen hin und her und bin berührt, dass ich in dem Moment so viel für ihn sein darf.

So senken die Babies die Widerhaken in die Herzen derer, die sie für würdig halten. Ob ich es der jetzt Vierzehnjährigen eines Tages mal wieder erzähle, wie schön es war, als sie mit mir in der Hängematte eingeschlafen ist, noch nicht einmal ein Jahr alt?
Es ist das Vertrauen, das mich dann so wehrlos macht, so beglückt, mir schmeichelt und meine Stärke weckt. Ein kleiner Mensch begibt sich in meine Hand und ich werde ihn nicht enttäuschen.

Umgekehrt fühle ich mich in einem Moment, in dem ich mein Vertrauen verschenke, wie ein Kind. Ich weiß nicht, worauf ich es begründe, es ist einfach da, ist mir vorausgeeilt, bevor ich merke, was ich tue und ich kann es nicht mehr zurückholen. Erwachsen schimpfe ich mich dann manchmal, weil ich doch vorsichtiger sein könnte und sehe mein kindliches Selbst so zutraulich, so verletzlich, so naiv. Und das schüttelt dann einfach den Kopf und sagt: “Lass doch. Ich hab schon recht. Wirste sehen, Miesepeter.”

Und denke dann an Menschen, die nicht vertrauen können. In meinem Leben gab und gibt es sie: Menschen, deren Vertrauen ich nicht gewinnen konnte, was auch immer ich getan und gesagt habe. Es hat mich viel Zeit und anderes gekostet, bis ich begriffen habe, dass es nicht an mir liegt. So klar ich inzwischen weiß, dass ich einen solchen Menschen nicht nah an mein Herz lassen darf, so sicher habe ich begriffen, dass Vertrauen ein Geschenk in zweifacher Hinsicht ist.
Der kleine B. vertraut, weil er gelernt hat, dass er Grund dazu hat. Seine Familie gibt ihm Geborgenheit und hört auf seine Klagen, seine Bedürfnisse. Dass er mir sein Vertrauen schenkt, liegt nur ein bisschen an mir, viel mehr an seinen (noch jungen) Erfahrungen. Er kann nichts dafür. Er kann noch nicht einmal anders.
Genausowenig wie ich.

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wie Urlaub

Meine Abende in den nächsten zwei Wochen sind dem Recherchieren von Ferienwohnungen gewidmet. Mit lieben Freunden fahren mein Sprößling und ich nach Schweden und zumindest die Erwachsenen haben einen wahren Traumurlaub im Sinn, mit Romantik in roten Häuschen, am See, im Boot – Mücken werden passenderweise ausgeblendet. Auch die Kinder sind natürlich durch Findus und Petterson und Büllerbü entsprechend eingenordet.
Das will natürlich alles vorbereitet, geplant, gebucht sein.

Wir hatten es hier schon einmal von den Rittern. Aus Ihrer Zeit stammt auch die Idee vom Urlaub. urloup kommt von “erlauben”. Jemand, der an der Stelle, wo er steht, Pflichten hat (und wer hätte das nicht?), kann einen Höherstehenden (als Ritter seinen Fürst oder seine Dame) darum bitten, ihm urloup zu gewähren – die Erlaubnis, sich zu entfernen und etwas anderes zu tun. Kämpfen, Abenteuer suchen, herumbummeln, wie auch immer.

Wie das ausgehen kann, sehen wir bei Yvain. Der hat den Gatten der Frau Landine zuerst getötet und dann ersetzt. An seiner Statt zeigt er dem Artushof, was eine Harke – respektive ein echter Ritter – ist und ist nun Burgherr. Gawain jedoch, der alte Neider, der nämlich nie eine abkriegt, die ihn auch heiratet, erinnert ihn an den gemeinsamen Kumpel Erec, dem es nicht gut bekommen ist, sich mit seiner süßen Enite ausgiebig und ausschließlich am Eheleben zu erfreuen. Er fordert den frisch getrauten Yvain auf, direkt mal Urlaub zu nehmen. Landine ist verständlicherweise nicht entzückt (wie sehr das ihrer heißen Liebe zu Yvain oder der Schutzlosigkeit ihrer Burg in Abwesenheit eines kämpferischen Gatten geschuldet ist, bleibt ungesagt), weiß aber, was sich für eine höfisch denkende Dame gehört. Sie gewährt den Urlaub, allerdings stellt sie die Bedingung, dass Yvain spätestens nach einem Jahr wieder anzutanzen hat. Andernfalls ist alles aus. Wie es weitergeht, gehört nicht hierher, sagen wir es so: Er hätte sich und seiner Lady jede Menge Kummer erspart, wenn er nicht auf den alten Neidhammel gehört hätte. Na gut. Er hätte auch seinen Löwen nicht kennengelernt.

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Dennoch: Im Verständnis der Ritterterminologie ist ausschließlich das, was im Urlaub geschieht das, was zählt. Schließlich will ja nun auch niemand Geschichten lesen über des Werden und Vergehen der Jahreszeiten und die stetig wiederkehrenden Arbeiten, die damit verbunden sind.

Heute ist das kaum anders. Wie viele leben und ertragen den Alltag mit dem inneren Blick auf den Urlaub? Urlaub ist wie ein rettender Ausblick, der herrlich und wunderbar farbenprächtig auf das Grau des Einerleis scheint, wie Licht durch ein buntes Kirchenfenster. Es scheint eine allgemeine Übereinkunft darüber zu bestehen, das normale (Arbeits)Leben gehetzt und überfordert zu durchleiden und sich dabei mit sinkendem Kraftreservoir dem Urlaub zu nähern wie ein Verdurstender der Oase. Mich verwundert dabei schon, dass ich um uns herum nur selten eine Wüste sehe.

Möglicherweise sind für diesen pointierten Rhythmus die Schulferien verantwortlich. Ein Freund von mir, T. der Musiklehrer, malte sich einmal aus, was wäre, wenn die Sommerferien nicht so wahnsinnig lang wären. Es wäre mehr Zeit da für den Stoff, die Kinder würden in den sechs Wochen nicht alles vergessen, was man ihnen beigebracht hätte (nicht zuletzt: Wie man sich in der Schule benimmt) und damit könnte alles viel entspannter stattfinden.

Ich habe zuerst an Bullerbü gedacht. Was alles wegfallen würde, wenn man die Sommerferien streichen oder stark verkürzen würde. Baden im See, Angeln, Rüben verziehen, Garben binden – aha!?

Kartoffelernte früher

Stimmt. Daher kommt das. Ferien sind im Jahr da angeordnet, wo die Kinder im landwirtschaftlichen Zusammenhang als Arbeitskräfte gebraucht worden sind. Zum Kartoffelsetzen, zur Heumaht, zum Ernten des Getreides, später im Herbst der Rüben und der Kartoffeln. Nicht zum wochenlangen Rumlungern an fremder Leute Gestade.

Aber ist es nicht schön, die Gelegenheit zu bekommen, einmal wirklich aus dem eigenen Alltag auszusteigen? Andere Länder kennenzulernen, andere Lebensweisen, Zeit zum Reisen zu haben?
Wäre es nicht auch schön, seinen Alltag so zu gestalten, dass er einen an jedem Tag erfreut?

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wie Trennung

Ich wusste es.

Vor anderthalb Jahren habe ich einen ganzen Schwung Urmel-Hörbücher gekauft, gelesen von Dirk Bach, der in diesem Zusammenhang brilliert. Ich verband damit die Hoffnung, das Urmel in die Geschichtenwelt meines Sohnes einzuarbeiten, was zunächst daran gescheitert war, dass er die Version der Augsburger Puppenkiste nicht einmal wegen ihrer Eigenschaft als FERNSEHEN gemocht hat. Aber auch die CDs blickte der Herr Sohn nicht mit seinem kleinen wohlgeformten Hintern an.

Heute ist er auf den Kindergeburtstag eines bekennenden Urmel-Fans eingeladen. Was lag für die sparsame Mutter näher, als eine der ungehört verstaubenden Urmel-CDs auszuwählen und schmerzlos einzupacken?

Schmerzlos. Ha.
Trennung lag in der Luft. Verlust. Ein furchtbares “Nie wieder!” erhob sein Haupt.

Ich hatte es allen Ernstes mit einem weinenden 6-Jährigen zu tun, der mir glaubhaft versicherte, nicht mehr seines Lebens froh werden zu können, wenn ich diese, ausgerechnet DIESE wunderschöne CD verschenkte.

Wie schön, wie einzigartig, wie wunderbar etwas ist, bemerken wir leider oft erst im Moment, wo es sich von uns entfernt. Verblüffend, wie etwas vordem Unauffälliges, an dem man tausendfach vorbeigesehen hat, mit einem Schlag Farbe bekommt, Kontur, Schönheit, Bedeutung. Die Farben der Sehnsucht – so, wie die Welt abends aussieht, wenn die schrägen Sonnenstrahlen ihr einen besonderen Hauch verleihen, kurz bevor es Nacht wird.

Ich hatte ein Schlüsselerlebnis in meiner Oberstufenzeit. Da kam ein älterer Ex-Schüler vorbei und erzählte uns ohne Punkt und Komma, wie toll doch die Schule gewesen sei. Mir kam das seltsam vor, das im Nachhinein zu empfinden und ich nahm mir vor, alles von nun an schon zu würdigen, während ich noch mittendrin bin. Seltsamerweise gelingt es mir oft. Indem ich mir den Abschied von etwas vorstelle, stelle ich die Sonne schräg und genieße – und leide auch schon ein bisschen am vorausgeahnten Verlust. Ist die Trennung dann vollzogen, ist es leicht, loszulassen, denn ich habe das Volle gekannt und genossen, es innerlich verloren und wiedergefunden und noch einmal gewürdigt.

Ob ich die CD als Geschenk eingepackt habe? Selbstverständlich. Aber nicht, ohne vorher eine Sicherheitskopie herzustellen sowie Cover und Rückseite zu fotografieren. Denn endlich – endlich! – sehe ich die Chance, das Urmel in die Geschichtenwelt meines Sohnes (und seiner Mutter) einzubringen. Öff öff.

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wie Sehen und gesehen werden

Heute in der Bahn: Ich setze mich neben einen alten Mann, der seinen Schirm für mich vom Sitz nimmt. Ich bedanke mich. Mir gegenüber sitzt eine junge Frau mit braunen Augen. Kurz treffen sich unsere Blicke. Ich lese meine Zeitung. In einer plötzlichen Stille, wie sie selbst in der U-Bahn auftreten kann, höre ich das untergründige Gerumse eines zu laut gestellten Ohrhörers. Ich blicke auf, um die Quelle zu orten und schaue wieder der jungen Frau in die Augen, festgehakt, wir sehen uns an und lächeln einander in aller Ruhe zu.
Dann lese ich weiter meine Zeitung. Die Bahn wird leerer, ich setze mich auf den Platz gegenüber, mache eine kleine Bemerkung, damit der Mann merkt, dass es nicht gegen ihn gerichtet ist. Über seine Furcht, den Schirm zu vergessen, geraten wir in ein Gespräch über die Beerdigung zu der er fährt und berühren in zehn Minuten wichtige und emotionale Themen. Als ich aussteige, wünsche ich ihm alles Gute, lege kurz meine Hand auf seine. Er bedankt sich für das Gespräch. Ich habe Tränen in den Augen, weil ich an meine Toten denken musste und mich unser Austausch berührt hat.

In letzter Zeit geschieht es mir häufiger, dass jemand, der einfach nur auf mich zugeht, um an mir vorbei seinem Ziel entgegen zu eilen, mit seinen Augen auf meinem Gesicht hängen bleibt, anstatt sie neutral weiter wandern zu lassen. Dann sehe ich einen neugierigen Blick, der an meinen Augen haftet und manchmal entsteht sogar ein Lächeln im Vorbeieilen.
Wie wunderbar, gesehen zu werden!

(Denn wie schrecklich ist es, unsichtbar zu sein!)

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wie Rolläden

Zu Rolläden habe ich ein sehr gespaltenes Verhältnis (ganz im Gegensatz zu Rouladen, die ich ungespalten gern verzehre, zumindest, wenn sie von meiner Mutter zubereitet wurden), was sich auch darin zeigt, dass ich gar nicht sicher bin, wie diese Undinger korrekt in schriftlicher Form daherkommen wollen.

Läden zum Rollen. Herab und herauf. Denke ich an Rolläden, höre ich ein ratschendes, zu einem scharfen Knall ansteigendes Geräusch.
Ich bin auf einem Dorf aufgewachsen, in einem jener Neubaugebiete aus den 60er, 70er Jahren, in denen sich noch jeder Häuslebauer den Traum vom freistehenden Haus erfüllen konnte. So kann man tagsüber dem Nachbarn aus einer bequemen Entfernung auf die Wäsche kucken, was nicht schlimm ist, da das zumindest Sonntags immer Gesprächsstoff liefert. Aber nachts, sobald man im eigenen Haus die Lichter anknipst, wird man selbst zum Gegenstand kritischer Betrachtung. Und so kommt es, dass zu einer bestimmten Zeit, wenn die Lichtverhältnisse außen künstliches Licht innen verlangen, es zu einem kakophonischen Konzert von “Rrrrrraaaaatsch-bonk” – “Rrrrrraaaaatsch-bonk” – “Rrrrrraaaaatsch-bonk” kommt, bis alle Schotten dicht sind.

Innen verbergen Vorhänge, Stores und sonstiges Geraffel die Tatsache, dass man sich gerade optisch eingekerkert hat – der Unterschied zu einem (zumindest später in der Nacht) Fenster, in dem sich das Interieur auf Schwärze spiegelt, ist nicht so groß. Aber von außen …
Von außen, da ist es das Gegenteil von Gefängnis. Nicht das schöne Gegenteil wie Freiheit. Nein. Das schreckliche Gegenteil. Ausgesperrt sein. Nicht dazu gehören. Alle anderen sind drin und haben sich eingemuckelt. Nicht einmal ein kleiner Strahl Licht darf nach draußen dringen, zu Dir, der Du wohl sicher aus gutem Grund nicht selbst eine Höhle sein eigen nennt, die er blickdickt verschließen kann.
Du könntest genauso gut auf dem Mond spazieren gehen, einer leblosen Hülle irgend eines fernen Planeten. Vielleicht bist Du auch der Letzte, der übrig geblieben ist, vielleicht gibt es nicht mal hinter den Rolläden noch Licht und Leben.

Und darum lebe ich in der Stadt. Jedes Mal, wenn ich bei Dunkelheit durch meine Stadt gehe, lächele ich innerlich. Und ich fühle mich, als wäre sie ein wunderbares Weihnachtsschaufenster, voll mit diesen kleinen Häuschen, in denen innen Lämpchen stecken, so dass sie gelbes Licht und Geborgenheit ausstrahlen. Denn hier, in der Stadt, wo die Menschen ohnehin Seite an Seite wohnen, wo Distanz und Abgeschiedenheit nur dadurch möglich ist, dass man sie einander gewährt, bleiben die Fenster unverhüllt. Und im Gegensatz zu jener entvölkerten Mondlandschaft des Dorfes erwachen die Häuser der Stadt erst am Abend zum Leben und strahlen ihre Wohnlichkeit und die Verschiedenheit ihrer Bewohner auf den Passanten, ohne viel mehr preiszugeben, als dass er nicht allein ist.

Und hier in der Stadt kann ich Rolläden sogar dankbar sein, wenn Sie das grelle Sonnenlicht von meinen Augen fern halten, bei der Arbeit, wenn ich Ihnen anders nicht ausweichen kann. Aber sobald die Sonne auch nur ein winziges Stück weiter gewandert ist, ist es aus mit der Freundschaft, ich stehe auf und fahre den Rolladen wieder hoch.

wie Queste

Die große Frage, die große Suche – die Queste, dies war die Aufgabe eines Ritters in der schönen Geschichtentradition um König Artus. Und die durfte natürlich auf gar keinen Fall leicht sein. Es galt, etwas Unmögliches, kaum Verstehbares zu erreichen, es – bevor es erreicht werden konnte – überhaupt einmal ausfindig zu machen, es als das Ziel der Suche zu erkennen und dann noch die Aufgabe zu lösen.

Parzival scheitert. Ihm schwirrt der Kopf von den (falschen) Verhaltensregeln, die seine Mutter ihm gab, in der Hoffnung, der Hohn, den er ernten würde, triebe ihn wieder zurück in ihre Arme (eine eitle Hoffnung, besonders, weil sie an gebrochenem Herzen stirbt, sobald er außer Sichtweite ist) und von den starren Verhaltensregeln seines ersten Lehrmeisters. Als er dann vor dem steht, den er erlösen soll, verbeißt er sich die Frage des alles heilenden Mitgefühls und wird als herzloser Stumpf am nächsten Tag davongejagt.

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Eine Weile verbringt er – wahnsinnig geworden – im Wald, bis er von der Erinnerung an seine geliebte Frau wieder zu Verstand kommt, sich berappelt, lernt, wie man sich nun wirklich zu verhalten hat. Naja. Er schafft es dann, bewältigt seine Queste und lebt fortan im präraffaelitischen Märchenwald.

Aber auch das heutige Leben bietet uns unsere Questen und die Suche nach dem Partner (ha!) ist eine davon. Bei näherer Betrachtung hat sie viel mit dem ahnungslosen Ritt in einen rammelvoll mit Bäumen aller Art bestandenen Wald zu tun. Ebensowenig wie ein Ritter in einer Geschichte weiß die Suchende, was für eine Gestalt als nächstes hinter einem Baum hervortritt und wie sie sich ihr gegenüber angemessen verhalten sollte. Und ebenso wie eine ritterliche Queste ist auch die Partnersuche nichts, was man mal eben so auf einer Backe absitzt, so locker und gelassen man sich ihr auch nähert. Ein Beispiel:

Gestern war ich auf der Queste nach einer Currywurst in Düsseldorf und ahnte nichts davon. Mir war, als wäre ich zu einem Weihnachtsmarktbummel dort verabredet, der gleichzeitig das erste Treffen mit einem bislang fast Unbekannten darstellen sollte. Alles fing gut an. Wir kamen sogar schon nach einer halben Stunde zu unserem Glühwein und betrachteten mineralische Auslagen. Aber dann – ich denke an Zwerge mit trügerischen Sprüchen – wurde mir vorgeschlagen, zu einem netten Ort zu gehen, wo es die beste Currywurst … es sei nur bis zum Rhein und dort so zehn Minuten.
Ich sage es Euch: Ich bin ein vertrauensseliger Mensch. Wenn mir ein anderer Mensch sagt, man ginge 10 Minuten, glaube ich das. Natürlich mit Spielraum, wer stoppt schon jeden Weg? Aber ich bin sicher, dass wir nach zwanzig Minuten das Ziel erreicht haben werden.

Es wurde mir ein bisschen komisch, als wir nach einer halben Stunde Marsch schließlich in einer Gegend am Rhein ankamen, die tagsüber möglicherweise sehr belebt, zur späten Abendstunde, in der wir uns befanden, allerdings menschenleer war. Ganz schön riskant, denkt ihr? Das dachte ich da auch. Aber mein Begleiter war gutartiger Natur, nur mit der Wahrheit über Weglängen nahm er es nicht allzu genau. Darauf angesprochen, reagierte er schelmisch: Wenn er mir die wirkliche Dauer des Weges genannt hatte, wäre ich ja wohl kaum mitgekommen.
Womit er recht hatte, denn ich trug nach einigen anstrengenden Wochen die Zeichen einer drohenden Erkältung in mir und hätte – befragt – einen abendlichen Fußmarsch auf maximal 4 Kilometer begrenzt.

Insgesamt werden wir an diesem Abend so um die 10 Kilometer marschiert sein. Heute morgen erwachte ich an meinem ersten freien Wochenende seit langem und hatte Halsschmerzen und alles, was dazu gehört, wenn der Körper sagt: “Wenn Du Dich nicht schonen kannst, dann muss ich Dir eben zeigen, wo der Hammer hängt.”

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Und so sitze ich nun im Wald. Zwischen den Bäumen, von denen mir keiner besser erscheint als der andere. Und denke mir, dass mein Leben außerhalb des Waldes doch gar nicht mal so schlecht ist. Und was so eine Suche soll nach etwas, von dem man nicht einmal weiß, wie es aussieht. Von dem man erst, wenn man davor steht und ein Weilchen beobachtet, tatsächlich erst am Morgen danach, weiß, wie es NICHT aussieht.
Und in diesem erbärmlichen Herumgestolpere und im Matsch landen erinnere ich mich dann wie Parzival an das, was mich doch eigentlich beschäftigt, hält und meine Tage mit Sinn füllt: Die eigentliche Queste. Wie man richtig leben soll. Jeden Tag so gut machen, wie er geht.

Und dass alles, alles, alles, zu einem kommt, wenn es soweit ist.

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