wie Stimmung

Ohne dass ich es bemerkt habe, hat sich tief unten im Bauch eine Stimmung festgesetzt. Und während ich so nichtsahnend Dinge tue, die getan werden wollen, breitet sie sich aus, bis sie endlich alles abdeckt. Es klopft oben im Hirn. Ich öffne. Da steht die Stimmung. Und sagt:
“Du bist traurig. Sehr traurig.”
Und verwundert stelle ich fest, dass ich singen könnte wie Seeelefant, wenn ich dazu noch die Kraft hätte.

Weil ich eine Frau bin, nehme ich mir in solchen Fällen leicht genervt den inneren Kalender vor. Ah. Mist. Ist es schon wieder soweit? Ist es eigentlich legal, dass sich ein PMS so lange nach vorne erstreckt? Und ich greife zum Glückstee, heiterer Musik, halte mein Gesicht in die Sonne, nehme die Wärmflasche, den Mönchspfeffer (zu spät! wirkt ja erst nach 3 Wochen und in der Zwischenzeit geht es mir längst wieder so gut, dass ich vergesse, die Tabletten zu nehmen).

Was die Männer machen, weiß ich nicht. Vielleicht das gleiche wie ich, wenn ich den Blick in den Kalender einmal vergesse oder dieser auch keine Lösung bietet: Selbsterforschung. Und egal, wie gesund, sozial stabil, frei von finanziellen und anderen existenziellen Sorgen ich auch bin, Kurt Tucholsky hat es so schön ausgedrückt: “Irgendwas ist immer.”
Auf der einen Seite ist es erleichternd, wenn endlich ein Grund für die Stimmung gefunden ist. Auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als wäre hauptsächlich die Stimmung erleichtert: “Na siehste. Drum!” Und setzt sich, um zu bleiben.

Auf der anderen Seite ist es wie mit einem Mückenstich: Der Grund schreit danach, gekratzt zu werden, beachtet, unterfüttert, begründet und wenn man nicht aufpasst, hat man so im Handumdrehen etwas aufgebauscht, was man noch gestern mit heiterer Gelassenheit getragen hat. Falls dann noch eine Person in der Nähe ist, die mit dem Grund zu identifzieren ist, ist es ohnehin zu spät. Neben dem Grund ist der Schuldige gefunden, was in etwa der Erleichterung gleicht, wenn man (bitte verzeiht das unappetitliche Bild) den Stich blutig gekratzt hat – die Erleichterung hält allerdings in beiden Fällen meist nur kurz an, eigentlich hat man in der fehlerhaften Krisenbewältigung gerade nur die nächste Stufe erreicht.

Die Stimmung hat es auf jeden Fall geschafft: Sie hat sich aus meinem Kopf heraus faktisch in die Welt gesetzt und spätestens jetzt habe ich wirklich einen Grund, um schlecht drauf zu sein.

wie Treppen

treppe

Die erste Treppe meiner Kindheit war aus Waschbeton und führte mit einmal sieben, einmal fünf Stufen um die Ecke von der Terrasse zum Garten. Ich spüre noch die unebenen Steine unter meinen Knien, an meinen Schenkeln, meinen Händen, warm von der Sonne und so seltsam unberechenbar zwischen glatt und kantig. Auf jeden Fall fühlte sie sich besser an als das Pflaster auf der Terrasse, das immer einen leichten Bimssteineffekt auf meine ungeschützten Knie hatte. Diese Treppe verband zwei Welten: Die immer heiße, windgeschützte der Terrasse und den kühleren Rasen.

Das galt auch für die nächste wichtige Treppe in meinem Leben. Sie war wundersam und geheimnisvoll, dem kindlichen Auge und Zugriff entzogen und führte, wenn ein Erwachsener die Klappe in der Decke des Treppenhauses mit dem Haken am Holzstiel geöffnet und die Eisenleiter wie eine Zieharmonika bis zum Boden gezogen hatte, auf den Speicher. Ein langer, halbdunkler Raum, überwölbt von der nackten Dachkonstruktion, auf der man die Unterseiten der Ziegel ruhen sah. In dem Geruch aus Holz und Staub standen die abgestellten, nicht mehr benötigten Dinge. Ich erinnere mich nur noch an den alten Kleiderschrank meiner Großeltern, der von der modernen Furnierholzgarnitur abgelöst worden war und dort oben seinen langen Schlaf hielt. Aus dem braunen Dämmer ging es wieder hinab in die helle Kühle des Treppenhauses, in der das Geheimnis keinen Platz hatte. Und weil für Kinder ja die Wochen wie Monate und die Monate wie Jahre sind, vergaß ich diese Treppe immer wieder und erlebte sie so mehr als einmal wie ein Wunder.

Nicht alle Treppen konnten solche positiven Gefühle in mir hervorrufen. In Cornwall wanderten wir an einem schönen Tag eine endlose Abfolge von ups und downs. Meine Knie protestierten schon lange und als die Steigung dann so steil wurde, dass freundliche Menschen den Weg in eine behelfsmäßige Treppe verwandelt hatten, machte das das Gehen zwar leichter, an den Schmerzen im Knie jedoch änderten sie nichts. Eher machten sie es schlimmer, denn sie waren das Treppe gewordene Bekenntnis, dass diese steilen Auf- und Abstiege so nun wirklich niemandem zuzumuten wären. Und dort stand ich auf halbem Weg eines downs angesichts des nächsten (und bei weitem nicht letzten) ups da und hätte ich mich entscheiden können, ich wäre einfach dort geblieben. So wie die liebe Frau A., die hier im 4. Stock wohnt und deren Beine neulich zwischen dem 1. und dem 2. Stock schon den Dienst verweigert haben. Treppen können zu unüberwindlichen Hindernissen werden.

Aber damals blieb ich nicht und lernte weitere Treppen kennen: Die luftige Rauchertreppe am ehemaligen Hochlager, in dessen Seitenräumen sich unser Büro befand, geschätzte zehn Meter über dem Boden, eine dieser Feuertreppen, die aus einem Blechgitter bestehen, das selbst auf den zweiten panischen Blick aussieht wie nichts und wo sich der erste Schritt im Bauch wie Fallen anfühlt.

Unter Freunden und Bekannten (und Umzugshelfern) legendär wurde die endlose Treppe in den “gefühlten siebten Stock”, nach unterschiedlichen Zählungen 105 bis 107 Stufen hoch, an dessen Ende mein Himmelsnest lag, die kleine Dachgeschosswohnung, in die ich als Single einzog und vier Jahre später als Mama auszog, die ich den kleinen Sohn hochtrug, als er gerade eine Woche alt war und ich wund am Körper, aber stolz und froh in der Seele. Es war mir ungeheuer wichtig, dass ICH ihn dort hochtrug und wir hatten gute Jahre dort oben, einmal ganz davon abgesehen, dass ich Zeit hatte, die Unsinnigkeit von Kaufwasser in Flaschen zu durchdringen.

All diese Treppen hatten eines gemeinsam: Sie waren alternativlos. Es gab keinen Weg, sie zu umgehen, keine Chance, sie nicht erklimmen oder betreten zu müssen.

Neuerdings habe ich es vermehrt mit einer anderen Art von Treppen zu tun. Die haben eine Rolltreppe zur Seite oder einen Aufzug als Ausweg. Und statt in den dritten Stock des Bürogebäudes hoch zu klettern, oben etwas außer Atem mit gerötetem Gesicht weiterzugehen, kann man einfach in ein stählernes Gehäuse steigen, einen Knopf drücken und hat noch nicht mal Zeit für einen halben smalltalk, bis man schon aussteigen darf. Oder sie laufen eisern glänzend und lautlos neben einem altmodischen Ding aus Beton nach oben, das so aussieht, als hätte nur jemand vergessen, es zu entfernen.

 

Immer wieder stehe ich vor der Entscheidung: Gehen oder Gehen lassen? Steigen oder Gleiten? Es erscheint so sinnlos, sich anzustrengen, wenn man sich doch auch ausruhen könnte. Und doch. Sich bequem von einer anderen Kraft tragen zu lassen, statt zu Fuß die Treppe zu ersteigen, hat etwas vom wissenschaftlichen Arbeiten auf der Grundlage von Sekundärliteratur. Und vom Fahren in einem Aufzug hat noch niemand einen knackigen Po bekommen.

wie U-Bahn

Seit mehr als vier Monaten fahre ich jeden Morgen und jeden Mittag etwa zwanzig Minuten mit der U-Bahn. Eine Freundin von mir verabscheut diese Einrichtung so sehr, dass sie lieber eine Viertelstunde bis zum Hauptbahnhof zu Fuß geht, anstatt 2 Minuten mit der Bahn zurückzulegen.

Diese Abscheu kann ich nicht ganz nachvollziehen.

Nun gut, es gibt da immer wieder mal gewohnheitsmäßige Ansammlungen von Menschen, die meinen Tagesablauf nicht eben bereichern. Ich möchte nicht wirklich jeden Morgen an den gleichen drei bis vier zerstörten Existenzen mit Bier und Fluppe vorbeilaufen – ohne jedoch wirklich sagen zu können, warum ich das ablehne.

Auch hastet man manchmal an Gerüchen vorbei, die sich in den Fliesen schon festgesogen haben, gelbliche Krusten in den Winkeln stinken nach altem Urin, Kippen, Müll.

Aber es gibt auch diese freundlichen Ausblühungen, wie das verliebte junge Obdachlosenpärchen, das sich für ein oder zwei Wochen in dem Tunnelsystem, das vom Platz in den Untergrund führt, ihr Wohn- und Schlafzimmer eingerichtet hatte. Da lagen sie dann und schlummerten oder saßen im Bett und plauderten. Waren sie nicht zu Hause, hatten sie alles ordentlich zusammengeräumt. Auch wenn es mir nicht recht passte, dass ich auf meinen Weg durch den öffentlichen Raum unversehens zum Voyer gemacht wurde, fand ich die beiden wirklich reizend und gönnte ihnen ihr kurzes Glück.

Was ich in der U-Bahn liebe, ist die Auswahl an unterschiedlichen Menschen. Manchmal kommt mich das große Staunen an, wie verschieden wir sind, wie doch die jeweilige Vorstellung von einem gut gekleideten und hergerichteten Selbst so variantenreiche Ergebnisse hervorbringt. Ich stelle es mir dann vor, wie diese oder jener nach dem Aufstehen vor dem Spiegel steht, zunächst verschlafen und nackt, um sich dann Schicht für Schicht in seine Hüllen zu kleiden, Stücke, die irgendwann einmal ausgewählt wurden als passend, als schmeichelnd, fühle den Blick, den sie sich im Spiegel zuwerfen, ahne einen Hauch der Vorstellung davon, wie sich jemand gut findet, wie er – oder sie – sich selbst sieht, sehen möchte. Dann noch all die winzigen und aufwändigen persönlichen Eingriffe in Haar und Gesicht und fertig ist die öffentlichkeitsfähige Larve, die zunächst scheinbar mehr darüber sagt, wie jemand sein möchte als darüber, wie er – oder sie – wohl ist. Aber: Worin sind wir besser zu erkennen als in unseren Träumen, unseren Sehnsüchten?

Und all diese aufwändige Arbeit hängt den Menschen in der U-Bahn noch lose an wie ein noch nicht ganz geschlossenes Hemd, die noch nicht festgezurrte Krawatte, denn die U-Bahn ist der Limbus der modernen Städte (nicht zu verwechseln mit dem Limbo, dann wäre es ja jeden Morgen sehr lustig in den Bahnhöfen). Es ist ein Zwischenbereich zwischen den Settings. Nicht mehr zu Hause, noch nicht an der Arbeit, die Bühnenbeleuchtung ist noch nicht an, die Darsteller sitzen auf den harten Sitzen, mit einem Kostüm, das in der tristen Umgebung fehl am Platze wirkt, sie stehen mitten im Raum, starren ins Nichts und warten, bis sie dran sind.

Und so lange sie nicht dran sind, sind sie nicht anwesend. Könnte man aus der Anstrengung, gerade nicht existent zu sein, Energie gewinnen, die Bahn hätte die kleinste Stromrechnung der Welt. Ob mit Knopf im Ohr, dem Handy unter flinken Fingern, einem Buch in der Hand oder dem leeren Blick zwischen allen anderen hindurch, alle spielen das Lieblingsspiel der Zweijährigen: “Ich bin gar nicht da.”

Ich ziehe – wenn ich nicht meine Mitnichtanwesenden neugierig anstarre – das Buch vor. Und sofern es die Dämonen dieser Vorhölle (das sind Menschen, deren Stimme bis ans andere Ende des Waggons trägt, ewige Telefonierer oder Intimitäten-Herausbrüller) es zulassen, erlebe ich in dem Zustand des Nichtzuständigseins oft selige, zeitlose Phasen des Abtauchens, aus denen ich manchmal aufschrecke, wie an einem Morgen, wo man sich nicht erinnert, was für ein Tag es ist. Ein schneller Blick nach draußen – puh! – es sind noch zwei Stationen und das Wiedereinsinken in die Zauberwelt der Buchstaben ist so schön, wie sich morgens noch einmal umzudrehen.

Und wenn ich dann nachmittags nach Hause komme, höre ich schon von Weitem die Gitarre. Entweder steht da der schielende Schotte mit der samtigen Stimme, oder der langgesichtige Franzose mit den Belmondolippen sitzt auf seinem Höckerchen und schrammelt ohne Gesang ein paar Akkorde mit sommerlichen Pickings dazwischen. Beide bekommen immer mal wieder ein Geldstück von mir, wir unterhalten uns ein paar Takte. Neulich fragte mich der Franzose, welches Sternzeichen ich hätte. Ich ließ ihn raten (das – wie ich finde – einzig zulässige Verhalten auf diese Frage).
“Krebs?” – “Nein” – “Stier?” – “(Überraschung) Ja.” – “Aah (Geste und ein französisches Wort, die beide so etwas wie “war ja klar!” bedeuteten) – Venüüüüs!”

Ich weiß wirklich nicht, was man gegen die U-Bahn haben kann.

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wie Vandalen

Als ich eben im Kinderzimmer saß, um meinem frischgebackenen Schulkind bei den Hausaufgaben die Gedanken zu stärken, hätte ich fast geweint. Wir haben nämlich Besuch: meine innig geliebte Freundin K. aus dem Osten und ihre zwei süßen und aufgeweckten Söhne P. (5,5) und M (2,5). Und ich hatte es vergessen. Das Hirn macht das ja immer so mit Traumata und Geschehnissen, die der menschliche Geist nicht verkraften kann.


Ich hatte vergessen, was Kinder unter vier einem Kinderzimmer antun. Ein paar Stunden unter nur oberflächlichler Aufsicht und es ist nicht nur der Teppichboden bedeckt mit allem, was sich in Klein- und Kleinstteilchen zerlegen ließ (bei der Hälfte der Dinge handelte es sich um quasi atomare Spielsachen, die ich bislang für unteilbar gehalten hatte), in allen Ritzen liegen Teile von Teilen. Autositze, Playmobilpistolen, Kanonenkugeln und – nein, ich fange gleich wieder an zu weinen.

Die Entdeckungslust und der Forscherdrang der Kinder ist immens und in dem Alter fehlt ihnen noch die umfassende Regelkenntnis, die Erwachsene in der Regel davon abhält, alle Dinge auseinanderzunehmen, die Einzelteile einer Belastungsprobe auszusetzen, das Innere erforschen zu wollen. Die einzelnen Neins in den sich permanent verzweigenden Neuronen eines Zweijährigen sind noch an einer Hand abzuzählen – zumindest wenn man sich auf die bezieht, die sie gleichzeitig befolgen können. Und darum sind sie erbarmungslos wie die Vandalen, so gründlich wie Wanderheuschrecken und gleichzeitig so wunderbar und niedlich wie kleine Kinder.

Verrückt, dass man das vergessen kann, wenn das eigene Kind grad mal beinahe sieben ist – so lange ist das doch nicht her. Aber es hat sich bei ihm auch nicht so angefühlt. Zumindest nicht bei uns Zuhause. Jetzt, wo ich wieder eine ganz normale Wohnung bewohne, in der nicht alles Zerbrechliche und Kostbare entweder hinter Gittern oder außerhalb von Knabenreckhöhe aufbewahrt wird, erlebe ich jenen Besuch damals von der anderen Seite, wo ich in der Wohnung des jungen Paares völlig unentspannt meinem Kind hinterhergeschnürt bin, überall elektrische Geräte, Steckdosen, scharfe Kanten, Zerbrechliches in meinem Radar aufleuchtend. Unsere Kleinkindwohnung war eine entschärfte Version, wo auch heftigst explorierende Kinder keine Chance hatten. Nun ist das anders.

Und während ich weinen möchte, weil ich die Versuche meiner letzten großen Ordnungsanstrengung wie feinen Sand über den Teppich verteilt sehe, fühle ich mich doch schlecht, weil keines der Kinder auch nur irgend etwas Verkehrtes gemacht hat. Ich bin es, die ihnen die Umgebung so hätte einrichten können, dass sie ihren Spaß haben, ohne dass sich irgendjemand durch ihre wichtige Arbeit (nur Narren denken, dass das Spiel der Kinder nichts Ernsthaftes sei) gestört fühlt.

wie Wetter

Es gewittert. Nach Tagen steigender Hitze bricht nun der Himmel über uns herein, ohne Ankündigung. Eben noch war es mörderisch heiß, dann tröpfelte es leicht und nun tobt es. An allen Balkonen und Fenstern stehen die Menschen, betrachten das Herabfallen des Regens, das Schwanken der Äste wie ein Schauspiel – und das ist es, würdig, erlebt zu werden. Ersehnter Regen, die Tropfen peitschen die Blumen und Kräuter auf meinem Balkon, erschreckt und beglückt geben Sie etwas von ihrem Duft ab und so besuchen mich Lavendel und Koriander, während ich auf dem Stuhl mit dem nassgeregneten Kissen sitze und tief befriedigt dem lärmenden Rauschen des Wassers lausche. Wie ein Peitschenknall zuckt da im abnehmenden Tröpfeln noch ein verirrter Blitz, erschreckt mich maßlos.

Gestern, vorgestern, der Tag davor – ich gewöhne mich an meinen schweißnassen Körper, vermeide den Blick in spiegelnde Flächen, weil ich mein quietschrotes Gesicht nicht sehen möchte. Umarmungen werden nur noch mit wirklich sympathischen Menschen ausgetauscht, aber am liebsten würde ich die ganze Zeit nackt in der verschatteten Hängematte liegen, während alle halbe Stunde jemand vorbeischaut, der mich mit Wasser begießt. Mein Kopf ist mit einer gallertähnlichen Masse gefüllt, in der jeder Gedanke sich mühselig vorankämpft, hinter sich her Schlieren ziehend, die das Ganze auch noch eintrüben. Heute morgen bin ich aufgewacht – reglos, unbekleidet, ohne Laken und habe vom bloßen Atmen geschwitzt.

Endlich fühlt sich die Luft, die von draußen herein kommt, wieder kühler an, als die Raumtemperatur (die immer noch bei 29 Grad liegt). Vielleicht zeichnet das den Nordeuropäer aus: Was mich an Hitze wirklich stört ist, dass ich ihr nicht entkommen kann, außer ich kühle meinen Körper in irgendeiner Form im Wasser ab. Der Kälte kann ich mich mit Kleidung erwehren, in meine geheizte Wohnung fliehen, ihr kann ich mittels Zivilisation die Grenzen zeigen. Gegenüber der Hitze aber ist die Zivilisation hilflos, sie lässt sich buchstäblich durch sie aufweichen, schmelzen, macht dem Körperlichen und seinen Grenzen Raum. Und irgendwie ist genau das das Schöne am Sommer.

wie Ziel

Bei einem Blog, in dem Begriffe von A bis Z Anlass für kleinere Texte sind, ist das Z das Ziel.
Erreicht.
Und nun?

Ziel war es ja nicht, das Z zu erreichen – naja, gewissermaßen schon, denn immerhin hieß das ja zunächst, eine gewisse Anzahl von Texten einem gewissen Prinzip folgend zustande zu bringen. Ziel war es vielmehr, diese Texte zu schreiben, wobei der Weg ja nun mal – naja, eben der Weg zum Ziel war.
Und wie das immer so ist: Am Ziel stehend stellt man fest, dass man das Ziel gar nicht so richtig genießen kann, denn mit einem Mal hat man die Perspektive verloren, die einen so lange in Bewegung gehalten hat. Und Stehenbleiben bzw. nicht weiterschreiben, das war nun ganz sicher nicht mein Wunsch. Das Ziel ist nur so lange interessant, wie es noch entfernt ist.

Also habe ich beschlossen, das zu tun, was ich bei einem schönen Spaziergang machen würde, wenn ich ein gesetztes Ziel erreicht habe. Nach einer kleinen Pause (Essen, Trinken, Genießen) gehe ich den Weg zurück. Noch einmal – und wiederum nicht noch einmal, denn schließlich sehe ich ihn und alles um ihn herum ja nun von der anderen Seite.

Weg

Wir sehen uns beim X, Y oder W …

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wie Zuhause

“Home is where the heart is.”

Zumindest ist ein Zuhause in meinem Leben kein fester Ort mehr, nichts Gesetztes, Unveränderliches, Unhinterfragbares. Aus meinem Elternhaus ausgezogen, habe ich insgesamt fünf Wohnungen in Köln bewohnt. Weder das Herkunftsdorf noch die Wahlstadt ist wirklich meine Heimat, der ich mich von ganzem Herzen zugehörig fühle, auf der anderen Seite ist es auch keine davon nicht.

So haben auch die Wohnungen, die ich mir eingerichtet habe, für mich inzwischen nichts Gesetztes mehr. Schließlich habe ich sie gesehen, bevor sie mein Zuhause wurde und habe auch vier davon wieder meiner Gegenstände entkleidet und sie als neutralen Ort zurückgelassen, damit sie für jemand anderen das Zuhause werden können.

Umzug

Doch von Wohnung zu Wohnung habe ich im Einrichten und wohnlich Machen dazu gelernt und in der aktuellen Wohnung stehe ich nun manchmal, zum Beispiel im Wohnzimmer und denke: “Mensch, das sieht ja aus wie das Zuhause von jemandem!”

Gestern habe ich in der Küche das Probierpäckchen Samba ins Regal geräumt und dachte daran, wie mein Sohn es zum Frühstück selbst von dort heruntergeholt hatte. Es ist für mich ein immer noch verwunderliches Phänomen, dass er sich inzwischen in der Wohnung auskennt. Die Phase, in der er mich immer als Ansprechpartner benutzt hat, der ihm diverse Dinge verschafft, die er haben möchte, zumindest außerhalb des Kinderzimmers, geht ihrem Ende zu. Er beobachtet, er merkt sich und er agiert selbsttätig, holt etwas, schiebt sich einen Hocker heran, wenn es nicht geht, manchmal, wenn er nicht gut drankommt, ruft er mich zu einer geöffneten Tür, hat es aber vorher schon versucht.

Und als ich so das Samba ins Regal räumte, wehte mich wieder diese ehrfurchtgebietende Erkenntnis an: Das, was aus meinen Versuchen entstanden ist, eine Ordnung zu schaffen, Räume einzurichten, Dinge zu verstauen, alles in einer Variation von vielen Möglichkeiten anzuordnen ist für ihn etwas anderes.
Die Dinge sind da, wo sie hingehören. Mein soundsovielter Anordnungsversuch ist für meinen Sohn ebenso gesetzt und naturgegeben, wie es für mich die Dinge in der Wohnung meiner Eltern war. Sie war ja da, bevor ich da war und ebenso hat es sich mit der Ordnung verhalten, in die ich hineingeboren bin.
Und genau so ist es mit der Stadt, die ich gewählt habe, mit dem Viertel, in das er hineingeboren wurde. Puh. Es weht mich an, es ist ein leichter Hauch von Ewigkeit, denn ich erkenne in diesen Dingen, die ich mehr oder minder zufällig ausgewählt habe, das “Wie es nun mal ist” eines anderen Menschen.

Und bis mein Sohn sich auf macht, um die Welt zu erobern, ist diese Wohnung, diese Stadt, dieses Viertel sein Zuhause – gesetzt, unhinterfragt, nicht anders denkbar.

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wie Wiedersehen

Heute morgen ein schönes Frühstück auf der Terrasse mit meinem Sohn und der Freundin seines Vaters. Später bringe ich beide in den strahlenden Sonnenschein hinaus, im aufgeheizten Auto durch die Katakomben unter dem Herzen Kölns hindurch über einen staubigen Parkplatz zum Hauptbahnhof.
Unter unzähligen Kinderzeitschriften wird mühevoll eine ausgewählt, dann geht es zum Gleis 2. Kaum ist Abschnitt C erreicht, fährt auch schon der ICE nach Berlin ein. Die beiden steigen ein, ich verfolgen ihren Weg durch die abgedunkelte Scheibe, Küsse fliegen hin und her, dann macht sich der Junge noch mal auf den Weg zur Tür, wir begegnen uns, nehmen einander in den Arm, drücken fest. Noch einmal.
“Soll ich schon gehen?”, frage ich.
Er nickt, wir lösen uns, wenden uns voneinander.
Mit einem scharfen Schmerz bleibt mein Herz stehen. Hält die Luft an, drückt die Daumen und wird erst wieder schlagen, wenn wir uns wiedersehen.

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wie Vertrauen

Neulich im Kindergarten. Ich lungere herum, während mein Sohn sich die Stiefel aus- und die Hausschuhe anzieht. Der kleine B. – mit knallblauen Augen, blondem Schopf und dem vollen Bübchencharme wie für Windelwerbung gemacht – nähert sich krabbelnd der magischen Schwelle zwischen Gruppenraum und Flur. Hält inne, wittert – mal probieren? Er krabbelt rüber und gibt Gas.

Gestern noch hab ich ihm Lachgluckser entlockt, ihm meine Nase in den Bauch gepiekst und dabei üble Knurrgeräusche gemacht, was ihn in Entzücken versetzt hat. Babies – versteh die einer.

Also wag ich’s. Ich schnapp mir das Bürschchen und trag es wieder rein. Jetzt entscheidet es sich: Wird er seine Händchen gegen meine Brust pressen und Alarm schlagen, um der fremden Frau zu entrinnen oder lässt er sich meinen Übergriff gefallen?
Schon bin ich mit ihm im Gruppenraum in der Nähe der Erzieherinnen, um ihn abzugeben, wenn nötig, da breitet er seine Arme aus, umfasst mich, soweit er kann und schmiegt die Seite seines Gesichts an meine Schulter. Und verharrt.
Verharrt.
Verharrt.
Ich spüre den Austausch. Er nimmt sich Nähe und Geborgenheit. Zu mir fließt sein Vertrauen. Tief erfreut schaukele ich im mütterlichen Seemannswiegen hin und her und bin berührt, dass ich in dem Moment so viel für ihn sein darf.

So senken die Babies die Widerhaken in die Herzen derer, die sie für würdig halten. Ob ich es der jetzt Vierzehnjährigen eines Tages mal wieder erzähle, wie schön es war, als sie mit mir in der Hängematte eingeschlafen ist, noch nicht einmal ein Jahr alt?
Es ist das Vertrauen, das mich dann so wehrlos macht, so beglückt, mir schmeichelt und meine Stärke weckt. Ein kleiner Mensch begibt sich in meine Hand und ich werde ihn nicht enttäuschen.

Umgekehrt fühle ich mich in einem Moment, in dem ich mein Vertrauen verschenke, wie ein Kind. Ich weiß nicht, worauf ich es begründe, es ist einfach da, ist mir vorausgeeilt, bevor ich merke, was ich tue und ich kann es nicht mehr zurückholen. Erwachsen schimpfe ich mich dann manchmal, weil ich doch vorsichtiger sein könnte und sehe mein kindliches Selbst so zutraulich, so verletzlich, so naiv. Und das schüttelt dann einfach den Kopf und sagt: “Lass doch. Ich hab schon recht. Wirste sehen, Miesepeter.”

Und denke dann an Menschen, die nicht vertrauen können. In meinem Leben gab und gibt es sie: Menschen, deren Vertrauen ich nicht gewinnen konnte, was auch immer ich getan und gesagt habe. Es hat mich viel Zeit und anderes gekostet, bis ich begriffen habe, dass es nicht an mir liegt. So klar ich inzwischen weiß, dass ich einen solchen Menschen nicht nah an mein Herz lassen darf, so sicher habe ich begriffen, dass Vertrauen ein Geschenk in zweifacher Hinsicht ist.
Der kleine B. vertraut, weil er gelernt hat, dass er Grund dazu hat. Seine Familie gibt ihm Geborgenheit und hört auf seine Klagen, seine Bedürfnisse. Dass er mir sein Vertrauen schenkt, liegt nur ein bisschen an mir, viel mehr an seinen (noch jungen) Erfahrungen. Er kann nichts dafür. Er kann noch nicht einmal anders.
Genausowenig wie ich.

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wie Urlaub

Meine Abende in den nächsten zwei Wochen sind dem Recherchieren von Ferienwohnungen gewidmet. Mit lieben Freunden fahren mein Sprößling und ich nach Schweden und zumindest die Erwachsenen haben einen wahren Traumurlaub im Sinn, mit Romantik in roten Häuschen, am See, im Boot – Mücken werden passenderweise ausgeblendet. Auch die Kinder sind natürlich durch Findus und Petterson und Büllerbü entsprechend eingenordet.
Das will natürlich alles vorbereitet, geplant, gebucht sein.

Wir hatten es hier schon einmal von den Rittern. Aus Ihrer Zeit stammt auch die Idee vom Urlaub. urloup kommt von “erlauben”. Jemand, der an der Stelle, wo er steht, Pflichten hat (und wer hätte das nicht?), kann einen Höherstehenden (als Ritter seinen Fürst oder seine Dame) darum bitten, ihm urloup zu gewähren – die Erlaubnis, sich zu entfernen und etwas anderes zu tun. Kämpfen, Abenteuer suchen, herumbummeln, wie auch immer.

Wie das ausgehen kann, sehen wir bei Yvain. Der hat den Gatten der Frau Landine zuerst getötet und dann ersetzt. An seiner Statt zeigt er dem Artushof, was eine Harke – respektive ein echter Ritter – ist und ist nun Burgherr. Gawain jedoch, der alte Neider, der nämlich nie eine abkriegt, die ihn auch heiratet, erinnert ihn an den gemeinsamen Kumpel Erec, dem es nicht gut bekommen ist, sich mit seiner süßen Enite ausgiebig und ausschließlich am Eheleben zu erfreuen. Er fordert den frisch getrauten Yvain auf, direkt mal Urlaub zu nehmen. Landine ist verständlicherweise nicht entzückt (wie sehr das ihrer heißen Liebe zu Yvain oder der Schutzlosigkeit ihrer Burg in Abwesenheit eines kämpferischen Gatten geschuldet ist, bleibt ungesagt), weiß aber, was sich für eine höfisch denkende Dame gehört. Sie gewährt den Urlaub, allerdings stellt sie die Bedingung, dass Yvain spätestens nach einem Jahr wieder anzutanzen hat. Andernfalls ist alles aus. Wie es weitergeht, gehört nicht hierher, sagen wir es so: Er hätte sich und seiner Lady jede Menge Kummer erspart, wenn er nicht auf den alten Neidhammel gehört hätte. Na gut. Er hätte auch seinen Löwen nicht kennengelernt.

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Dennoch: Im Verständnis der Ritterterminologie ist ausschließlich das, was im Urlaub geschieht das, was zählt. Schließlich will ja nun auch niemand Geschichten lesen über des Werden und Vergehen der Jahreszeiten und die stetig wiederkehrenden Arbeiten, die damit verbunden sind.

Heute ist das kaum anders. Wie viele leben und ertragen den Alltag mit dem inneren Blick auf den Urlaub? Urlaub ist wie ein rettender Ausblick, der herrlich und wunderbar farbenprächtig auf das Grau des Einerleis scheint, wie Licht durch ein buntes Kirchenfenster. Es scheint eine allgemeine Übereinkunft darüber zu bestehen, das normale (Arbeits)Leben gehetzt und überfordert zu durchleiden und sich dabei mit sinkendem Kraftreservoir dem Urlaub zu nähern wie ein Verdurstender der Oase. Mich verwundert dabei schon, dass ich um uns herum nur selten eine Wüste sehe.

Möglicherweise sind für diesen pointierten Rhythmus die Schulferien verantwortlich. Ein Freund von mir, T. der Musiklehrer, malte sich einmal aus, was wäre, wenn die Sommerferien nicht so wahnsinnig lang wären. Es wäre mehr Zeit da für den Stoff, die Kinder würden in den sechs Wochen nicht alles vergessen, was man ihnen beigebracht hätte (nicht zuletzt: Wie man sich in der Schule benimmt) und damit könnte alles viel entspannter stattfinden.

Ich habe zuerst an Bullerbü gedacht. Was alles wegfallen würde, wenn man die Sommerferien streichen oder stark verkürzen würde. Baden im See, Angeln, Rüben verziehen, Garben binden – aha!?

Kartoffelernte früher

Stimmt. Daher kommt das. Ferien sind im Jahr da angeordnet, wo die Kinder im landwirtschaftlichen Zusammenhang als Arbeitskräfte gebraucht worden sind. Zum Kartoffelsetzen, zur Heumaht, zum Ernten des Getreides, später im Herbst der Rüben und der Kartoffeln. Nicht zum wochenlangen Rumlungern an fremder Leute Gestade.

Aber ist es nicht schön, die Gelegenheit zu bekommen, einmal wirklich aus dem eigenen Alltag auszusteigen? Andere Länder kennenzulernen, andere Lebensweisen, Zeit zum Reisen zu haben?
Wäre es nicht auch schön, seinen Alltag so zu gestalten, dass er einen an jedem Tag erfreut?

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